Janna Ensthaler hat mehrere Unternehmen gegründet, skaliert und erfolgreich verkauft. Heute investiert sie gezielt in die Zukunftsthemen KI, Energie, Food und Natural Health. Im Interview erklärt die Unternehmerin und Investorin, weshalb für sie starke Teams wichtiger sind als brillante Ideen, welche Chancen KI für Europa eröffnet und warum mehr Mut, Tempo und Kapital nötig sind, damit hierzulande globale Tech-Champions entstehen.
Frau Ensthaler, was waren die wichtigsten Wendepunkte auf Ihrem Weg zur Investorin?
Janna Ensthaler: Die eigene Gründerzeit hat mich stark geprägt. Ich habe Unternehmen aufgebaut, internationalisiert und verkauft, aber auch die schwierigen Phasen erlebt. Irgendwann wurde mir klar, dass ich meine Erfahrungen nicht nur in einem Unternehmen einsetzen möchte. Als Investorin kann ich mehrere Teams begleiten, Muster erkennen und strategisch unterstützen. Mich interessiert vor allem die Frage, welche Technologien und Denkweisen das
21. Jahrhundert prägen und wo Europa wieder stärker werden kann.
Wann entstand Ihr Wunsch, Start-ups zu unterstützen?
Janna Ensthaler: Ich liebe das Gründen bis heute. Aber nach mehreren Unternehmensgründungen wollte ich mein Wissen weitergeben. Als Investorin kann ich Gründer dabei unterstützen, schneller und grösser zu denken. Deutschland braucht mehr Menschen, die anderen den Zugang zu Kapital, Netzwerk und ehrlichem Feedback ermöglichen.
Welche Erfahrungen prägen Ihre Investmententscheidungen?
Janna Ensthaler: Am Ende entscheidet immer das Team. Eine gute Idee allein reicht nicht. Ich achte darauf, ob Gründer für ihr Thema brennen, ihre Zahlen kennen und andere Menschen begeistern können. Besonders wichtig sind Resilienz, Lernfähigkeit und Durchhaltevermögen. Es gibt in jedem Unternehmen schwierige Phasen – dann zeigt sich, wer wirklich Substanz hat.
Sie investieren in AI, Energy, Food und Natural Health – warum diese Kombination?
Janna Ensthaler: KI ist für mich die grösste Innovationswelle unserer Zeit. Ich nenne sie die «Mutter aller Innovationen», weil sie nicht nur selbst Neues hervorbringt, sondern Forschung und Entwicklung in vielen Bereichen beschleunigt. Food und Natural Health beschäftigen sich mit einer ebenso grundlegenden Frage: Wie leben, ernähren und altern wir gesünder und nachhaltiger? Gerade als Mutter beschäftigt mich, welche Welt wir zukünftigen Generationen hinterlassen.
Woran erkennen Sie, ob ein Team oder eine Idee skalierbar ist?
Janna Ensthaler: Bei Teams schaue ich auf Energie, Klarheit und Geschwindigkeit. Haben die Gründer den Willen, über viele Jahre an ihrer Mission zu arbeiten? Bei der Idee zählen Marktgrösse, Problemlösung und Differenzierung. Gerade durch KI können kleine Teams heute enorm viel erreichen. Deshalb reicht es nicht mehr, nur ein gutes Produkt zu haben – man braucht einen echten Vorsprung.
Was unterscheidet gute von aussergewöhnlichen
Start-ups?
Janna Ensthaler: Ein gutes Start-up löst ein Problem. Ein aussergewöhnliches definiert eine ganze Kategorie neu. Dafür braucht es einen grossen Markt, ein exzellentes Team, starke Umsetzung und eine klare Vision. In Deutschland wird oft zu klein gedacht.
Wie bringen Sie Impact und Rendite in Einklang?
Janna Ensthaler: Ich investiere grundsätzlich nicht in «Impact-only». Impact-only ist fürs Charity-Budget. Die einzigen Themen, die wirklich einen Impact haben, werden wirtschaftlich auch extrem erfolgreich. Deswegen kann Impact immer nur der Sekundäreffekt sein. Die spannendsten Impact-Modelle entstehen heute oft genau dort, wo grosse gesellschaftliche und ökologische Probleme gelöst werden: Energie, Ernährung, Mobilität, Ressourcen, Infrastruktur. Gerade wenn einem Nachhaltigkeit am Herzen liegt, muss man durch die unternehmerische Brille zuerst schauen. Oder den Kapitalismus komplett abschaffen. Aber das hat ja schon mehrere Male in der Geschichte nicht zum gewünschten Ziel geführt.
Wie verändert KI das Start-up-Ökosystem?
Janna Ensthaler: KI verändert die Geschwindigkeit, mit der Produkte entwickelt, verkauft und skaliert werden können. Kleine Teams können heute Leistungen erbringen, für die früher grosse Organisationen nötig waren. Gleichzeitig steigt der Wettbewerbsdruck. Wer erfolgreich sein will, braucht starke Distribution, Daten und eine klare Differenzierung. Für Europa ist das eine grosse Chance – wenn wir schnell genug handeln.
Gibt es Anwendungsfelder von KI, die stark unterschätzt werden?
Janna Ensthaler: Besonders die Verbindung von KI mit der physischen Welt. Dazu gehören Robotik, Industrie, Energieinfrastruktur und autonome Systeme. Deutschland hat hier traditionell grosse Stärken. Auch der Mittelstand bietet enormes Potenzial. KI kann Prozesse automatisieren, Mitarbeiter entlasten und neue Geschäftsmodelle schaffen. Ebenso wichtig sind Rechenzentren, Chips und Energieversorgung – die Infrastruktur hinter dem KI-Boom.
Welche Innovationen könnten unsere Art zu essen in den nächsten zehn Jahren verändern?
Janna Ensthaler: Ich sehe drei grosse Entwicklungen: funktionale Ernährung, mehr Unabhängigkeit in Lieferketten und technologische Innovationen in der Landwirtschaft. Verbraucher wollen zunehmend Produkte, die Gesundheit und Leistungsfähigkeit unterstützen. Gleichzeitig werden Klimawandel und geopolitische Unsicherheiten die Lebensmittelproduktion verändern. Innovation wird dabei wichtiger sein als Verzicht.
Welche Fähigkeiten sind für Gründer heute entscheidend?
Janna Ensthaler: Anpassungsfähigkeit ist entscheidend. Technologien verändern sich heute in rasantem Tempo. Ausserdem braucht jeder Gründer ein grundlegendes Verständnis für KI und deren Auswirkungen auf Produkte, Organisation und Wettbewerb. Hinzu kommen Kommunikationsstärke und Resilienz. Wer Unternehmen aufbaut, muss Menschen überzeugen und mit Unsicherheit umgehen können.
Was braucht Deutschland für mehr Tech-Champions?
Janna Ensthaler: Wir brauchen mehr Kapital, Geschwindigkeit und Selbstbewusstsein. Deutschland verfügt über hervorragende Forschung, Ingenieurskunst und industrielle Kompetenz. Doch Bürokratie und komplizierte Prozesse bremsen Wachstum. Gleichzeitig müssen wir risikobereiter werden und grösser denken. Wir sollten weniger darüber sprechen, warum etwas nicht funktioniert, und mehr darüber, wie wir es möglich machen.
Welche Technologien werden künftig unverzichtbar?
Janna Ensthaler: Künstliche Intelligenz, Robotik, Automatisierung, Energie-Technologien und Biotechnologie werden zentrale Treiber sein. Gleichzeitig werden menschliche Fähigkeiten wie Urteilskraft, Neugier, Anpassungsfähigkeit, Kommunikationsstärke und Unternehmergeist wichtiger. KI wird viele Aufgaben übernehmen, aber gerade dadurch gewinnen Kreativität, Verantwortung und soziale Intelligenz an Bedeutung.
In welchem Bereich würden Sie heute gründen?
Janna Ensthaler: Persönlich liegt mir besonders das Thema Familie am Herzen. Ich würde gern eine soziale Institution aufbauen, die Eltern – insbesondere alleinerziehende Mütter – unterstützt und vernetzt. Kinder sind unsere Zukunft, und ihre Förderung ist eine der wichtigsten gesellschaftlichen Aufgaben.