Rustikal, authentisch und überraschend modern: Die Alpenküche entwickelt sich zu einem der spannendsten Profilierungsfelder im deutschen Lebensmittelhandel. Produkte aus dem Alpenraum stehen für Qualität, Herkunft und handwerkliche Herstellung – Werte, die heute bei Konsumenten stark an Bedeutung gewinnen.
Wenn Verbraucher heute zu Bergkäse, Tiroler Speck oder Schweizer Schokolade greifen, kaufen sie weit mehr als nur ein Lebensmittel. Sie kaufen ein Stück Landschaft, eine Geschichte, ein Lebensgefühl. «Alpine Produkte verbinden Regionalität, Qualität und Genuss auf besondere Weise», bringt es Nick Afflerbach, Key Account Manager bei Bergader und diplomierter Käsesommelier, auf den Punkt. «In Bayern steht häufig das Heimatgefühl im Vordergrund. In anderen Regionen ist es eher das Gefühl einer Auszeit vom Alltag – inspiriert von Natur, Bergen und alpiner Gelassenheit.»
Stabiles Wachstum
Dieser wachsende Wunsch nach Regionalität und Authentizität ist mehr als ein gefühlter Trend – vielmehr lässt er sich in konkrete Absatzentwicklungen übersetzen. Laut den Marktforschern von YouGov vertrauen 66 Prozent der Shopper regionalen Produkten, 69 Prozent bevorzugen sie aktiv beim Einkauf. Das spiegelt sich quer durch die Warengruppen wider. Burgis verzeichnet bei vorgeformten Knödeln seit Jahren ein jährliches Wachstum von zehn Prozent. «Die Verbraucher tendieren zu frischen Knödelartikeln», beobachtet Geschäftsführer Timo Burger. «Wir gehen davon aus, dass wir weiterhin in diesem Tempo wachsen können.» Wiesbauer meldet für die Range «Traditionelle Alpenküche» mit acht österreichischen Wurstspezialitäten ebenfalls «kontinuierliche Zuwächse» im deutschen Markt, wie Geschäftsführer Thomas Schmiedbauer bestätigt. Bei Almdudler treiben moderne Konsumtrends das Wachstum: Das Zero-Segment macht bereits 25 Prozent des gesamten Limonadenabsatzes in Deutschland aus. «Konsumenten suchen stärker nach Marken mit Wiedererkennungswert und authentischem Profil», sagt Thomas Horak, Geschäftsführer Almdudler Deutschland. «Wir sehen insbesondere bei unseren Zero-Varianten sowie im Sirup-Segment hohes Potenzial.»
Starke Treiber
Doch welche Konsumtrends prägen den Markt? Stephan Hemberger, Leiter Vertrieb und Marketing bei Alpenhain, sieht eine klare Kombination: «Am stärksten treibt aktuell die Kombination aus Genuss und Vertrauen. Genuss ist der Haupttreiber, weil Konsumenten bei alpinen Produkten eine bekannte Geschmackswelt erwarten – cremig, herzhaft, vertraut.» Regionalität und Herkunft verstärken die Kaufentscheidung, weil sie Orientierung und Sicherheit geben. Für Silke Machate-Hitschler, Senior Brand & Communications Manager bei Houdek, ist der emotionale Aspekt entscheidend: «Wir beobachten – insbesondere bei Verbrauchern fernab der Alpenregionen – eine grosse Sehnsucht nach authentischem Comfort Food. Mit alpenländischen Spezialitäten holt man sich ein Stück Urlaubs- und Heimatgefühl direkt nach Hause auf den Teller.» Auch bei Loacker sind die alpinen Werte tief in der Markenphilosophie verankert. Das Südtiroler Unternehmen produziert seit 1925 auf über 1000 Metern Meereshöhe. «Reinheit, Handwerk und Natürlichkeit sind keine Kommunikationsbegriffe, sondern Leitprinzipien», betont Mohammed Bahlaouane, Marketing Manager Germany bei Loacker.
Ungenutzte Potenziale am POS
Einig sind sich die Hersteller auch bei folgender Beobachtung: Das Thema Alpenküche wird im Handel noch nicht ausreichend inszeniert. «Es wird generell zu wenig beworben», bringt es Thomas Schmiedbauer auf den Punkt. Houdek sieht hier eine klare Chance für den Point of Sale: «Grosses Potenzial liegt in aufmerksamkeitsstarken Gemeinschaftsplatzierungen, etwa mit Spätzle, Kabanos, Käse oder Schinken direkt nebeneinander», so Silke Machate-Hitschler. Käseexperte Nick Afflerbach verweist auf konkrete Zahlen: «Laut NielsenIQ zählen rund 27 Prozent der Käufe von Weichkäse zu den Spontankäufen. Das entspricht in etwa den Werten von Schokolade. Dieses Potenzial sollte der Handel durch aufmerksamkeitsstarke Mehrfachplatzierungen besser nutzen.» Alpenhain-Vertriebsleiter Stephan Hemberger ergänzt: «Alpenküche kann am POS als authentisches Genuss- und Herkunftserlebnis funktionieren. Hierfür ist eine anlassorientierte Darstellung erfolgsentscheidend – etwa für die Brotzeit, zum Teilen mit Gästen oder als Zutat zum Überbacken.»
Profilierungs-Highlights
Ein alpines Basissortiment lebt von klaren Klassikern. Burgis empfiehlt: «Sonntagsknödel, Knödelinos, Semmelknödel, Spinatknödel, Seidenknödel, Brezenknödel.» Für Wiesbauer gehören Top-Seller wie «die gebratene rustikale Käsewurst, der deftige Wurzelspeck, die geräucherte Winzerwurst und Heurigen Wurst sowie Knusperbraten und Salzburger Braten» ins Regal. Bergader denkt in Käse-Welten: «Zu einem starken Basissortiment gehören cremiger Weichkäse wie das Almzeit-Sortiment, Brotzeit- und Gipfelkäse, Watzmann Bergkäse zum Überbacken sowie Blaukäse wie Bavaria blu.» Als Profilierungs-Highlight empfiehlt das Unternehmen das Bergbauern-Segment für die Premium-Inszenierung.
Junge Generation
Jüngere Zielgruppen zu erreichen, ohne die Stammkundschaft zu verlieren, ist eine der zentralen Herausforderungen im LEH. Josef Stollenwerk, Vertriebsleiter Deutschland bei Manner, setzt daher auf moderne Snack-Formate: «Die Manner Crunchies haben die richtige Portionsgrösse, überzeugen geschmacklich in gewohnter Qualität und sind ideal für den kleinen Glücksmoment im Alltag.» Houdek punktet mit den «Knabber Kabanos to go»: «Der praktische Snack-Beutel ist der ideale Begleiter fürs Mountainbiken oder zum Wegknabbern zwischendurch – für eine junge, aktive Zielgruppe total relevant», so Silke Machate-Hitschler.
Resümee
Die Alpenküche ist für den Handel weit mehr als ein saisonales Thema rund um das Oktoberfest. Sie bietet emotionale Aufladung, Premium-Potenzial und breite Verbraucherakzeptanz. Wer als Händler Herkunft, Handwerk und Authentizität glaubwürdig inszeniert, schafft echte Differenzierung – und gewinnt Kunden, die nicht nur den Preis vergleichen, sondern Qualität und Geschichte schätzen.