Die Motivation der Verbraucher, nach Alternativen zu herkömmlichem Fleisch zu suchen, kann vielfältig sein. Egal ob Tierwohl, Klimaschutz, Gesundheit oder Ernährungssicherheit im Fokus steht: Kultiviertes Fleisch bietet spannende Zukunftsaussichten.
Die wachsende Zahl der Flexitarier und Vegetarier zeigt an, dass immer mehr Menschen ihren bisherigen Fleischkonsum hinterfragen. Neben alternativen Proteinquellen pflanzlichen Ursprungs könnte zukünftig auch «kultiviertes Fleisch» (Cultivated Meat) eine Rolle spielen: Fleisch, das in einem Bioreaktor aus tierischen Zellen produziert wird. Wie funktioniert die Technologie genauer? Einem Tier wird laut Good Food Institute Europe eine kleine Zellprobe entnommen, die im Labor auf diejenigen Zellen hin untersucht wird, die sich für das Vorhaben am besten eignen. Diese werden zu Zelllinien gezüchtet, in denen sich die einzelnen Zellen – wie sonst im tierischen Organismus auch, aber nun eben ausserhalb des Körpers – gut vermehren und weiter wachsen können. Gibt man diese Zellen in einen Fermenter (Bioreaktor) und setzt bei geeigneter Temperatur das passende Nährmedium zu (Wasser und Nährstoffe), können sich die Zellen hier – auch in grossem Massstab – vermehren. Abhängig von den genauen Fermentationsbedingungen lässt sich zudem steuern, welche Zelltypen entstehen. So kann man aus dem Ausgangsmaterial gezielt Fett- oder Muskelzellen züchten. Sobald ausreichende Fleischmengen entstanden sind, kann man diese entnehmen und weiter verarbeiten. Ein spezieller 3D-Drucker ermöglicht es, den Produkten Aussehen und Textur zu verleihen, wie man es von herkömmlichen Fleischprodukten kennt. Auch Fisch lässt sich vergleichbar gewinnen.
Vielfältig relevant
Die Vorteile dieses Verfahrens gegenüber der heutigen Tierhaltung beziehungsweise Fischzucht erscheinen überzeugend: Treibhausgase, Flächenbedarf und Luftverschmutzung lassen sich laut aktuellen Lebenzyklusanalysen reduzieren. Sich von den Auswirkungen anfälliger Lieferketten, des Klimawandels oder gar kriegerischer Auseinandersetzungen unabhängiger zu machen, trägt zur (weltweiten) Ernährungssicherheit bei. Die Gefahr von Pandemien (Vogelgrippe, Schweinepest), lebensmittelbedingten Erkrankungen, wie sie etwa durch Salmonellen hervorgerufen werden, und ein übermässiger Einsatz von Medikamenten wie Antibiotika liesse sich vermeiden. Tiere müssten nicht mehr in gleichem Ausmass wie derzeit geschlachtet werden.
Das Potenzial nutzen
Folglich wächst die Zahl der Start-ups, die sich entsprechenden Verfahren und Produktentwicklungen widmen. In Deutschland und der Schweiz sind hier etwa Gründungen wie Innocent Meat, Cultimate Foods, Bluu Seafood oder Mirai International aktiv. 2013 präsentierte das niederländische Start-up Mosa Meat den ersten aus kultivierten Stammzellen entwickelten Rindfleisch-Burger. Seither tüftelt das Unternehmen daran, die Kosten von kultiviertem Fleisch zu senken, den Geschmack zu optimieren und die Produktion skalierbar zu machen. Auch etablierte Firmen der Lebensmittelindustrie investieren in diesen Bereich. So arbeitet die deutsche PHW-Gruppe etwa mit Mosa Meat zusammen und kooperiert auch mit SuperMeat.
Der richtige Ernährungsmix
«Wir sehen Cultivated Meat als eine vielversprechende Innovation, die langfristig helfen kann, Ressourcen effizient zu nutzen, und gleichzeitig hochwertige tierische Proteine verfügbar zu machen – ohne Schlachtung», erläutert Dr. Ingo Stryck, Leiter Marketing der PHW-Gruppe. Als Teil einer langfristigen Innovations- und Diversifizierungsstrategie investiere man daher in Forschung, Start-up-Kooperationen und Inhouse-Kompetenzzentren, um flexibel auf unterschiedliche Szenarien reagieren zu können. Allerdings betrachtet man kultiviertes Fleisch nicht als alleinige Lösung: «Die pflanzlichen Produkte werden unserer Meinung nach auch weiterhin die dominante Rolle im Markt der alternativen Proteine einnehmen.» Und so stehen neben kultiviertem Fleisch andere Technologien wie die Präzisionsfermentation oder neue Entwicklungen innerhalb der Pflanzenbiotechnologie im Blickpunkt. Stryck betont, dass die technologische Entwicklung bei kultiviertem Fleisch voranschreitet, sich aber immer noch in der Entwicklungsphase befindet. «Gleichzeitig sind die regulatorischen Prozesse in der EU (Novel Food) inzwischen im Gange.» Er rechnet jedoch frühestens ab 2026/27 mit ersten Marktzulassungen in der EU – zunächst in kleinen Märkten wie der Gastronomie oder im Rahmen von Pilotprojekten. Eine breite Verfügbarkeit im Lebensmitteleinzelhandel hält er eher im nächsten Jahrzehnt für realistisch – abhängig von Produktionskapazitäten, der Preisentwicklung und regulatorischen Freigaben.