Eine Frage der Nachhaltigkeit

Montag, 29. August 2022
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Wenn Fisch auch künftig für alle reichen soll, müssen neue Quellen her. Die Fischindustrie arbeitet mit Hochdruck daran, nachhaltige Wege zu erschliessen.

Wenn es nach der Deutschen Gesellschaft für Ernährung geht, sollte Fisch mindestens einmal pro Woche auf dem Speiseplan stehen. Die Ernährungsexperten haben bei ihrer Empfehlung vor allem seinen Gesundheitswert im Blick, denn Fisch ist eine wichtige Quelle für zahlreiche lebenswichtige Inhaltsstoffe. Doch die Ressource ist endlich. Laut Fischereibericht der Welternährungsorganisation (FAO) aus dem Jahr 2020 gelten etwa 34 Prozent der kommerziell genutzten Bestände weltweit als überfischt: Sie befinden sich ausserhalb «sicherer biologischer Grenzen», ihre Erholung wäre also selbst bei einem sofortigen Fangstopp unsicher. Weitere 60 Prozent gelten als «maximal wirtschaftlich befischt». Nur rund sechs Prozent aller Bestände gelten als «unterfischt». Trotzdem halten die Wissenschaftler und Experten, die von Marine Stewardship Council (MSC) und Aquaculture Stewardship Council (ASC) befragt wurden, einen vollständigen Verzicht für unnötig. Allerdings sollte Fisch als Delikatesse angesehen und bewusst konsumiert werden. Wichtig sei es in jedem Fall, beim Kauf von Fisch und Meeresfrüchten auf ihre nachhaltige Herkunft zu achten.

Nachhaltige Aquakultur
Fisch aus nachhaltiger Aquakultur kann eine Möglichkeit sein, den Hunger der Weltbevölkerung auf Fisch zumindest anteilig zu decken. Die Fischverarbeiter verfolgen dabei unterschiedliche Strategien. «Die stetig wachsende Konsumentennachfrage nach Fisch aus nachhaltig bewirtschafteten Fischereien ist alleine aus Wildfangquellen nicht zu bedienen», sagt Alfred Jansen von Iglo. Künftig wird das Unternehmen, das seinen Fisch derzeit ausschliesslich aus Wildfang bezieht, deshalb sein Angebot um Fisch aus ASC-zertifizierten Aquakulturen erweitern. Auch bei Frosta wird Fisch aus Aquakultur künftig eine grössere Rolle spielen als bisher. «Da die Bestände in den Weltmeeren nicht mehr wachsen und die Fangquoten zum Schutz der Bestände sinken, wird Fisch aus zertifizierter hoch qualitativer Aquakultur auch bei uns zunehmend relevanter», sagt Friederike Ahlers. Followfood hat nach eigenen Angaben aktuell zirka 40 Wildfisch- und 12 Aquakulturprodukte im Sortiment und strebt ein Wachstum in beiden Bereichen an. Das Unternehmen entscheidet von Spezies zu Spezies, wo der grösste Impact liegt – ob im Wildfang oder der Aquakultur. In die Entscheidung fliessen zum Beispiel die Fangmethode und der Zertifizierer mit ein. Ähnlich geht Costa vor, die kürzlich Bio-Lachs und Bio-Garnelen eingeführt haben. «Diese Produkte können wir nur aus Aquakultur beziehen, in der die strengen Aufzuchtbedingungen, die für das Bio-Siegel notwendig sind, kontrolliert werden können», erklärt Dorith Wolff.

Zell-kultivierte Produktion
«Auch Aquakulturen sind nicht unbegrenzt skalierbar», sagt Alfred Jansen im Hinblick auf die Prognose der UN, dass die Nachfrage nach Fisch weltweit um mindestens 30 Prozent steigen wird. Er beobachtet daher die Entwicklungen bei zell-kultiviertem Fisch mit grossem Interesse. Bereits seit 2021 kooperiert die Muttergesellschaft von Iglo, Nomad Foods, deshalb mit BlueNalu. Das kalifornische Unternehmen züchtet Seafood in einem Bioreaktor direkt aus Fischzellen, wobei nur wenige Muskelstammzellen benötigt werden, um grosse Mengen zu produzieren. «Allerdings wird es noch sechs bis zehn Jahre dauern, bis Fisch aus zell-kultivierter Produktion zu erschwinglichen Preisen im Supermarkt auftauchen wird», schätzt Jansen und erwartet einen Start zunächst in der gehobenen Gastronomie.   

Vegane Alternativen
Zudem arbeiten die Hersteller daran, die Lust auf Fisch mit veganen Fischalternativen zu decken. So gehören bei Iglo längst vegane Fischstäbchen und der erst kürzlich eingeführte vegane Bratfisch zum Sortiment. Frosta bietet mit der Range «Fisch vom Feld» unter anderem Veggie-Stäbchen, Veggie-Filees im Backteig sowie Veggie-Schlemmerfilee Bordelaise an. Basis dafür ist mal Getreide wie Weizen oder Reis, mal Hülsenfrüchte wie Bohnen oder Soja, mal Gemüse wie Blumenkohl oder Jackfruit. 

 

Kleine Siegel-Kunde

Das blaue Logo des Marine Stewardship Council (MSC) kennzeichnet Fische oder Fischprodukte, die aus einer kontrolliert nachhaltigen, zertifizierten Fischerei stammen. Sie wurden umweltfreundlich gefangen und stammen aus einem nicht überfischten Bestand. Das grün-blaue Logo des Aquaculture Stewardship Council (ASC) tragen Fische oder Fischprodukte aus zertifizierter Aquakultur. Die Anlagen halten den Einfluss auf die Umwelt so gering wie möglich, bieten den Menschen faire Arbeitsbedingungen und den Tieren eine möglichst artgerechte Haltung mit rückverfolgbarem Futter aus nicht überfischen Beständen. Teilweise noch strengere Kriterien setzen die Siegel der Bioverbände wie Naturland und Bioland an.

Statements

Es stimmt, dass Überfischung ein globales Problem ist und war. Gleichzeitig ist es wichtig zu betonen, dass es weltweit dennoch viele produktive und verantwortungsbewusste Fischereien gibt. Daher sollten und können Verbraucher den Fisch wählen, der aus Fischereien stammt, die sich auf wissenschaftlichen Vorgaben und Quotenregelungen basieren und über gute Kontrollsysteme verfügen. In Norwegen ist eine Überfischung kein reelles Problem, da wir seit Jahrzehnten Quoten festlegen, die unsere Bestände sichern und zudem kontrollieren wir, dass die Quoten eingehalten werden. Wir betreiben nachhaltige Aquakultur für Lachs und neuerdings auch für Kabeljau. Beim Kabeljau geht es vor allem darum, die Lieferung von frischem Kabeljau ausserhalb der Wintermonate, in denen der Skrei gefischt wird, sicherzustellen.
Kristin Pettersen, Country Director Deutschland Norwegian Seafood Council

Ob Fischprodukte zukünftig für alle erschwinglich bleiben werden, hängt damit zusammen, ob die bestehenden Wildfischbestände nachhaltig gemanagt werden. Den wissenschaftlichen Vorgaben und Fangquoten muss zwingend gefolgt werden und MSC-Zertifizierung muss eine wesentliche Benchmark sein für die Bewertung von Fischbeständen, Fischereien und Fangmethoden. Wenn unregulierte und nicht-zertifizierte Fischerei weiterhin den Grossteil der menschlichen Fischereiaktivitäten ausmacht und der Klimawandel und seine Auswirkungen auf die weltweiten Fischbestände nicht in politische Entscheidungsprozesse mit einbezogen werden, wird die Verfügbarkeit vieler beliebter Fischspezies stark zurückgehen und dadurch unbezahlbar werden. Wie lange Fisch erschwinglich bleibt, hängt stark damit zusammen, wie schnell die Länder und Organisationen nachhaltiges Management der Fischereibestände in alle Fischereipolitischen Entscheidungen weltweit mit einbeziehen. Aber auch welche Priorität der Handel und die Endkunden nachhaltig Gefangenen und gezüchteten Fischprodukten geben.
Alexander Schmidt, Bereichsleiter Vertrieb und Produktentwicklung bei followfood

Markt

Fischerzeugung in Aquakultur
Im Jahr 2021 haben die rund 2200 Aquakulturbetriebe in Deutschland rund 18 300 t Fisch erzeugt. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) mitteilt, waren das 1,8 % oder 330 t weniger als im Vorjahr. Die Muschelproduktion, die aufgrund natürlicher Bedingungen von Jahr zu Jahr erheblich schwanken kann, stieg um 5,8 % oder 780 t auf rund 14 300 t. Die Erzeugung von Rogen und Kaviar stieg um 11,3 % oder 9 t auf rund 85 t. Die Gesamterzeugung von Aquakulturprodukten betrug rund 32 700 t. Das waren 1,4 % oder 470 t mehr als im Jahr 2020.

Die Erzeugung von forellenartigen Fischen, zu denen unter anderem Forellen, Saiblinge, und Maränen gehören, machte mit 10 500 t mehr als die Hälfte (57,7 %) der gesamten Fischerzeugung aus. Darunter waren die Regenbogenforelle mit 5800 t, die Lachsforelle mit 1900 t und der Elsässer Saibling mit 1700 t am stärksten vertreten.

Ein weiteres gutes Viertel der Fischerzeugung (27,8 %) entfiel mit 5100 t auf die Erzeugung von karpfenartigen Fischen wie Karpfen, Schleien, Rotaugen und Rotfedern. 4600 t oder 90,8 % davon machte der Karpfen aus, dessen Erzeugung gegenüber dem Vorjahr um 3,7 % oder 180 zurückging.

Quelle: Destatis

Produkte

Costa
Costa führt die beliebten Klassiker Lachsfilet und Pacific Prawns auch als Bio-Produkte. Das Bio-Lachsfilet in der 160-Gramm-Faltschachtel mit Sichtfenster stammt aus dem Mittelstück und ist daher besonders saftig und aromatisch. Die Bio-Pacific Prawns sind blanchiert, geschält und entdarmt.
www.costa.de

followfood 
Der followfish Thunfisch stammt aus der Angelruten-Fischerei auf den Malediven. Dort werden Thunfische seit 900 Jahren einzeln mit einer Angelrute gefischt. Diese Methode vermeidet Beifang und schützt die Bestände. Die Verarbeitung findet direkt vor Ort auf der kleinen Insel Maandhoo statt.
https://followfood.de

Frosta 
Unter dem Namen Fisch vom Feld bringt Frosta vegetarische Fischalternativen aus pflanzlichen Zutaten auf den Markt. Ganz neu: »Schlemmerfilet Bordelaise Style», erst im Juni von Peta mit dem Vegan Food Award ausgezeichnet.
www.frosta.de 
www.fischvomfeld.de

Iglo
»Filegro» interpretiert Backfisch auf vielfältige Weise: Innen befindet sich zartes Alaska Seelachs-Filet, aussen eine knusprige Panade, die es in verschiedenen Varianten und Geschmacksrichtungen gibt. Kross wird die Hülle sowohl in der Pfanne als auch im Backofen. Die tiefgekühlten Produkte sind in maximal 25 Minuten.
www.iglo.de