Die Stein-Strategie

Freitag, 02. September 2016
Foto: Fotolia (rufar)

In unübersichtlichen Situationen neigt der Mensch dazu, überhastet zu handeln, auch wenn es am Ende negative Folgen hat. Die Stein-Strategie beschreibt das Gegenprogramm dazu: Abwarten ist die bessere Alternative. Holm Friebe, Verfasser der Stein-Strategie, erklärt, warum Abwarten und Nicht-handeln in vielen Situationen die klügere Option zu purem Aktionismus sind.

Herr Friebe, warum ist Nicht-Handeln aus Ihrer Sicht die mit Abstand erfolgreichste Strategie?
Es kann eine erfolgreiche Strategie sein, die uns oft durch die Lappen geht, da wir in einem allgemeinen Klima des Aktionismus leben. Pro-aktives Handeln wird heute stark propagiert. Wenn hingegen jemand, der in einer unübersichtlichen Situation die Entscheidung trifft, erst einmal abzuwarten du die Dinge auf sich zukommen zu lassen, der wird in der Regel schief angeschaut. Klar, es sieht nach Arbeitsverweigerung aus. Dabei ist abwarten häufig tatsächlich die klügere Option. 

Sie sagen, man sollte die Situation erst einmal in aller Ruhe analysieren, genau betrachten und dann erst handeln.
Genau. Das fällt uns schwer, sowohl auf individueller als auch auf institutioneller Ebene.

Was ist der Grund dafür?
Gerade, wenn wir das Gefühl haben, die Dinge verändern sich, die Situation wird unbequemer, dann versuchen wir durch Handeln eine Kontrollblase zu erzeugen. Dies gaukelt uns das Gefühl „Herr der Lage“ zu sein vor. Genau das verschlimmert das Ganze oder führt zur Katastrophe. Es fällt uns einfach schwer, die Füße still zu halten, in Ruhe die Situation zu analysieren und dann erst Entscheidungen zu treffen.

Was sind denn die Treiber des heutigen Aktionismus?
Man muss sich nur die Wirtschaftspresse dazu anschauen. Disruption ist zum absolut überragenden Schlagwort des Jahres 2015 geworden. Der Begriff stammt aus dem Silicon Valley, wo natürlich das Klappern zum Handwerk gehört. Die Internetkonzerne sind mit dem vollmundigen Anspruch aufgetreten, dass sie alle anderen traditionellen Unternehmen vom Markt verdrängen würden. Davon lassen sich viele beeindrucken. Das ist auch mittlerweile in die allgemeine Management-Sprache übergegangen. Change-Management begleitet uns nun auch schon ein paar Jahre. Das Manko dabei ist, es muss permanent umgebaut werden, es darf kein Stein auf dem anderen bleiben, ständig muss was passieren. Das macht die Menschen auf Dauer verrückt.

Wie definieren Sie das Nicht-Handeln? Gibt es da Ausdifferenzierungen?
Nicht-handeln, ist nicht nichts tun und auch nicht Müßiggang oder Faulheit. Nicht-handeln kann nur derjenige, der auch handeln könnte oder der vielleicht auch einen starken Impuls zum Handeln verspürt. Strategisches Handeln heißt dann in vielen Fällen entscheiden. Insofern gibt es das ganze Spektrum Trägheit, Untätigkeit bis hin zu Aktionismus. Mein Verdacht ist, dass gerade Change-Berater, Trend- und Zukunftsexperten die Schrittmacher und Stichwortgeber aktionistischer Management-Entscheidungen sind – und dabei  wird die Option des klugen Zuwartens unterschlagen.

Wie unterscheiden sich in diesem Kontext gute Strategen von Trend-Opportunisten?
Trend-Opportunisten hören ein Schlagwort wie Big Data oder künstliche Intelligenz, sie springen dann darauf, ohne dabei wirklich verstanden zu haben, was dieser Trend bedeuten könnte. Sie befassen sich nicht mit dem Sachverhalt, ob der Trend für ihre Branche relevant ist und ob er überhaupt ausgegoren ist. Das hat dann zur Folge, dass Investitionen verschleudert sowie und Mittel und Arbeitskräfte gebunden werden. Gute Strategen erkennen ihre Nische und erkennen das Zeitfenster, in dem Dinge passieren und können abwarten. Man muss nicht der erste sein, der auf einen Trend aufspringt. Der frühe Vogel fängt den Wurm, aber die zweite Maus bekommt den Käse, heißt es doch so schön. Oft ist es sinnvoll, abzuwarten und dann erst einen Trend aufzunehmen, wenn er wirklich marktreif ist.

Wie lassen sich denn durch Nicht-Handeln, eigene Interessen durchsetzen und strategische Vorteile erreichen?
Es gibt das Beispiel eines sehr erfolgreichen Verkäufers, dessen Geheimrezept es ist, erst seinen Text aufzusagen und dann nichts mehr zu sagen und abzuwarten. Da das Schweigen im Gespräch oft unerträglich ist und um die Situation aufzulösen, kommt es dann zum Abschluss. Schweigen kann eine mächtige Waffe in der Kommunikation sein.

Was kann der Lebensmittelhandel generell von der Stein-Strategie lernen?
Aller Marktforschung zum Trotz floppen 70 bis 80 Prozent der Innovationen innerhalb der ersten zwei Jahre. Es gibt Unternehmen, die sich nicht dem landläufigen „Innovationsdrill“ beugen und auch nicht gleich auf jeden Trend aufspringen, sondern auf bereits Etabliertes setzen. Sie sind damit ebenfalls erfolgreich. So hat sich beispielsweise die Marke Nutella seit 30 Jahren kaum verändert. Es gab lediglich behutsame Markenerweiterungen. Nach dem Motto „Meister bleib bei deinen Leisten“ kann dies eine Erfolgsstrategie sein, um nicht Geld in ein Innovationsfeuerwerk zu verschwenden, das dann doch häufig floppt.

Was gilt zu beachten, wenn man damit erfolgreich sein will?
Im Strategiemix ist die Stein-Strategie eine Option – und das vor allem in zugespitzten, unübersichtlichen Situationen. Es verleiht eher den Bedenkenträgern eine Stimme in den Organisationen. Das Konzept Stein-Strategie ist somit eine Rehabilitierung derjenigen, die auf maßvolle Entwicklung drängen und die Dinge erst mal besser verstanden haben wollen, bevor irgendwelche Aktionspläne umgesetzt werden.

Wo liegen denn die Chancen, aber auch die Herausforderungen und Stolpersteine der Stein-Strategie?
Es kann verheerend sein, wenn man im Zentrum des digitalen Wandels steht, dabei aber den Zug der Zeit verpasst wie etwa Kodak, Neckermann oder Nokia. Die Gefahr der Planung besteht darin, dass man sich zu sehr auf einen Zukunftspfad festlegt und dann das Gras nicht mehr wachsen hört, nicht mehr reagieren kann. Insofern gibt es gute Gründe, nicht allzu weit in die Zukunft zu planen und zu denken, man weiß schon, in welche Richtung es geht. Diese Zukunftsgläubigkeit kann dazu führen, dass wir von den realen Entwicklungen auf dem falschen Fuß erwischt werden können. Wir werden von Schwarzen Schwänen überrascht.

Gilt die Stein-Strategie für alle Branchen?
Natürlich sind stark technologiegetriebene Branchen vielmehr vom Wandel und der Digitalisierung betroffen. Man findet selbst in diesem Segment erfolgreiche Player, die es ruhiger angehen, die oft auf Verbesserung der analogen Technologie setzen oder einfach für sich einen schlauen Weg finden, sinnvolle Innovation zu übernehmen und zu integrieren, so dass sie sich nicht auf ein Feld begeben, wo sie von vorneherein unterlegen sind.

Können Sie die Kern-Aussagen der Stein-Strategie zusammenfassen?
Die beste Handlungsempfehlung, die man im Sinne der Stein-Strategie geben kann, stammt von dem chinesischen Staatsmann und Politiker Deng Xiaoping, als dieser die Öffnung China vorbereitet hatte. Diese lautet: „Von Stein zu Stein tastend den Fluss überqueren." Wir müssen den Fluss schon überqueren, aber wir müssen auch schauen, wo  feste Haltepunkte sind. Insofern heißt die Stein-Strategie, nicht sich nicht zu bewegen, sondern vorsichtig sich vorzutasten in die Zukunft.

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Info

Zentrale Aussagen der Stein-Strategie

  • Die menschliche Neigung in unübersichtlichen Situationen aktionistisch zu handeln, auch wenn das Handeln unabsehbar und am Ende negative Folgen hat, wird „Action Bias“ genannt.
  • Ruhe und Gelassenheit sind der Garant langfristigen Überlebens. Die Stein-Strategie ist somit das Gegenprogramm zu blindem Aktionismus und überhastetem Handeln.
  • Von „Steinen lernen, heißt liegen lernen“. Es ist klügere Option abzuwarten, anstatt in puren Aktionismus zu verfallen.
  • Nicht-handeln bedeutet nicht Müßiggang, Faulheit oder sich nicht zu bewegen, sondern sich vorsichtig vorzutasten in die Zukunft.
  • Die Gefahr der Planung besteht darin, dass man sich zu sehr auf einen Zukunftspfad festlegt. Diese Zukunftsgläubigkeit führt dann dazu, von den realen Entwicklungen überrollt zu werden. 
  • Change-Berater, Trend- und Zukunftsexperten sind die Schrittmacher und Stichwortgeber aktionistischer Management-Entscheidungen.
  • Das Konzept „Stein-Strategie“ ist eine Rehabilitierung derjenigen, die auf maßvolle Entwicklung drängen und die Dinge erst einmal besser verstanden haben wollen, bevor irgendwelche Aktionspläne umgesetzt werden.

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