Weibliche Skills – weniger Risiko, mehr Chancen

Montag, 23. Januar 2023
Foto: Roland Breitschuh

Ines Imdahl, Geschäftsführerin und Gründerin des rheingold salons, gehört zu einer der «40 over 40 – Germany´s Most Inspiring Women 2022». Sie ist nicht nur inspirierend, sondern will vor allem aufrütteln. Das hat die Psychologin einmal mehr geschafft mit ihrem neuesten Buch «Warum Frauen die Welt retten werden und Männer dabei unerlässlich sind».

Frau Imdahl, Sie wurden zu den «40 over 40 – Germany´s Most Inspiring Women 2022» gewählt. Was inspiriert Sie und wie wollen Sie die Menschen inspirieren?
Ines Imdahl:
Die Frage nach dem «Warum» ist meine Kern-Motivation. Schon in der Schule wollte ich wissen: Warum rauchen die Menschen, obwohl sie wissen, dass es ihnen schadet. Warum tun sie es trotzdem? Oder: 51 Prozent der Menschen, die im Discount Billig-Fleisch kaufen, sind gegen Massentierhaltung. «Besser-Wissen» scheint kaum Einfluss auf das Tun der Menschen zu haben. Den Mind-Behavior-Gap zu verstehen, die Emotionalität, ja Irrationalität der Menschen zu verstehen, fasziniert mich. Diese Faszination teile ich mit meinem Forschungs-Team im rheingold salon und versuche auf den unterschiedlichsten Bühnen, das manchmal seltsam oder komisch anmutende, aber eben völlig normale Verhalten von Menschen verständlich zu machen.  

Sie ergründen, was Menschen bewegt und motiviert. Was bewegt sie aktuell am meisten?
Ines Imdahl:
Ängste um die Energiepreise, Teuerungen, Krieg, Corona-Pandemie und Klimawandel nehmen überhand – brodelnde Krisen in diesem Umfang kann man sich nicht täglich bewusst machen. Das ist zu anstrengend. Menschen versuchen daher mit ganz unterschiedlichen Methoden ihre Ängste wegzupacken, die Krisen zu deckeln, also seelisches Krisen-Management zu betreiben. Auf der einen Seite gibt es Versuche der künstlichen Ruhig-Stellung, des Abwartens und sogar des sich im alten Corona-Modus-Einrichtens. Ständige Selbstberuhigung hält die Nerven in Schach.

Aber es gibt auch noch die zweite Seite der Medaille.
Ines Imdahl:
Ja. Auf der anderen Seite steht eher eine aktive Normalitäts-Beschwörung: der Alltag soll gut gefüllt sein durch Job, Reisen, Konzerte, Besuche von Fussballstadien, um sich von den Krisen abzulenken. Ausserdem wird sich gestärkt und gewappnet durch Sport, Ernährungsumstellungen oder Ähnliches, damit man den kommenden Krisen standhalten kann.  

Wie lassen sich die aktuellen Probleme am besten meistern? Sind jetzt weibliche Stärken gefragt?
Ines Imdahl:
Die brodelnden Krisen führen unterschwellig zu mehr Aggression bei den Menschen. Anders formuliert: zu kleinen Krisenausbrüchen im Alltag – wir gehen gereizter und weniger verständnisvoll miteinander um. «Typisch» weibliche Eigenschaften wie Einfühlsamkeit oder Empathie, das Kümmernde oder auch die Zähigkeit im Zusammenhang mit Krisen-Resilienz sind nun relevant. Allerdings ist mir hier wichtig zu betonen: Die Eigenschaften gelten zwar in unserer Kultur als weiblich, aber es gibt auch viele Männer mit diesen Qualitäten. Generell nutzen wir aber aktuell die menschlichen Skills nicht ausreichend und vollständig, weil wir in unserer Kultur, die als männlich erachteten Stärken zum Mass aller Dinge gemacht haben.  

Weiblich besetzte Prinzipien spielen eine zentrale Rolle dabei, die Welt in eine lebenswerte Zukunft zu führen – so eine These aus Ihrem aktuellen Buch. Können Sie das näher erläutern?
Ines Imdahl:
Divers geführte Unternehmen sind laut einer McKinsey-Studie bis zu 36 Prozent wirtschaftlich erfolgreicher und laut einer neuen BSG-Studie auch deutlich nachhaltiger aufgestellt. Verhandlungen mit weiblicher Beteiligung führen eher zum Erfolg. Frauen setzen sich weltweit stärker für den Klimaschutz ein. Für uns – meiner Co-Autorin Janine Steeger und mir – war das Grund genug einmal zu prüfen, warum es immer noch so ist, dass weibliche Eigenschaften klischeehaft negativ gesehen werden. «Frauen sind immer so emotional und so kompliziert» – zum Beispiel. Und wir wollten mit einer empirischen Studie belegen, dass angebliche weibliche Schwächen einen Mehrwert für Politik, Unternehmen – auch den Handel – und eben das Zusammenleben ganz allgemein haben.    

Was macht aus Ihrer Sicht das weibliche Prinzip aus?
Ines Imdahl:
Das Denken in komplexen Zusammenhängen, das Kümmernde, das Empathische und Emotionale, das Leidensfähige und Zähe, das Kreativ-manipulative, das aufnehmend Gestaltende beziehungsweise «Struktive» und die Selbst-Optimierung durch Zweifel machen das Weibliche aus. Für alle diese Eigenschaften konnten wir nachweisen, dass sie für das Männliche einen Vorteil haben, und somit die perfekte Ergänzung in politischen und wirtschaftlichen Führungsstrukturen darstellt. Das Weibliche minimiert das Risiko, nimmt den Versorgungsdruck, öffnet neue Chancen, liefert andersartige Ideen, entlastet im Konkurrenzkampf. Das weibliche Kümmer-Gen rettet schon jetzt zur Hälfte die Welt. Übrigens: 89 Prozent der Führungskräfte glauben wirklich, dass weibliche Eigenschaften die Welt retten werden.

Frauen denken in komplexeren Zusammenhängen und mit Weitsicht – so lautet eine weitere These in Ihrem Buch: Warum ist das augenblicklich so wichtig?
Ines Imdahl:
Weil unsere Krisen und Herausforderungen zusammenhängen. Kultur, Gesellschaft und Unternehmen neigen zur Zerstückelung des Zusammenhangs: Wir arbeiten in Silo-Strukturen, trennen Job vom Privatleben, unseren Wunsch auf die Malediven zu reisen vom Klimaschutz. Wir fokussieren oftmals auf nur eine Sache. Das kann Vorteile haben und schneller zum Ziel führen. Aber auch gefährlich sein: Der gerade Weg führt manchmal direkt auf den Eisberg zu. Das Weibliche überlegt, ob es sich lohnt einen Umweg zu fahren, das Korallenriff zu schonen oder einen Plan B zu haben – und dies ist eine wertvolle Ergänzung gerade im Krisenmanagement.

Warum ist die Zukunft weiblich?
Ines Imdahl:
Sie ist weiblicher und damit facettenreicher. Unterschiedliche Perspektiven auf ein Problem bieten mehr Lösungsansätze: 10 ähnliche –männliche – Menschen kommen zu ähnlichen Lösungen, 10 diverse Menschen potenzieren die Lösungsansätze. Wirtschaft, Politik und der Klimaschutz, auch der Handel können gleichermassen profitieren. Das Männliche selbst profitiert übrigens selbst stark vom weiblichen Prinzip: das Risiko wird minimiert, es «überlebt» länger und gesünder, wird entlastet.  

Was können männliche Führungskräfte von Frauen lernen?
Ines Imdahl:
Empathie gilt auf vielen Führungsetagen inzwischen als das Super-Führungs-Skill der Zukunft. Es darf jedoch kein Lippenbekenntnis sein. Deswegen brauchen wir dringend neue Arbeits- und Leistungsmodelle.Unser aktuelles Leistungsmodell heisst jeden Tag acht Stunden oder mehr auf dem gleichen Top-Level performen. Dabei funktionieren die meisten Menschen eher zyklisch als linear. Der weibliche Zyklus und die Natur sind Vorbild. Im Leistungssport hat man sich das längst zu Nutze gemacht. Ex-
treme Be- und Entlastung wechseln ab. High-Performance gelingt nicht durch gleichmässige Dauerbelastung.

Wie gehen Sie mit dem Thema um?
Ines Imdahl:
Wir sind glücklicher und belastbarer, wenn wir keine Energie damit verschwenden müssen, so zu tun «als ob». Wir haben daher im rheingold salon die Empfindsamkeitstage eingeführt, die jeder bei uns nehmen kann. Psychische Tiefs nehmen wir genauso ernst wie körperliche. Auch Männer sollten zu den Empfindsamkeiten stehen dürfen, weswegen wir das Modell nicht als «Menstruationsmodell» sehen wollen. Es sollte einfach normal sein zu sagen: «Heute ist mir nicht so ... » Mit dem gegenseitigen Einspringen, Unterstützen und vor allem dem Vertrauen im Team wollen wir uns anders aufstellen: ehrlicher und menschlicher – weil wir das Weibliche wie das Männliche wertschätzen.

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Steckbrief

Ines Imdahl studierte an der Universität Köln Psychologie mit dem Schwerpunkt Morphologie. Ihr Diplom in Psychologie machte sie im Jahr 1994.

Seit Januar 2000 war sie Geschäftsführerin und Inhaberin bei rheingold. Sie hat das rheingold Institut, eine der renommiertesten internationalen Adressen für tiefenpsychologische Markt- und Medienforschung, mitgeprägt und aufgebaut.

2011 gründete sie zusammen mit Jens Lönneker den rheingold salon, eine tiefen-psychologisch arbeitende Forschungsagentur, die Emperie, Strategien, Gestaltung und Umsetzungsprozesse verbindet.

Die Arbeitsschwerpunkte von Ines Imdahl liegen in der psychologischen Markt- und Kulturforschung, besonders im Bereich Frauen- und Jugendforschung, sowie Werbe-wirkungsforschung. Ihre zahlreichen Studien, Veröffentlichungen und die Medienpräsenz rund um das Thema Frauen, Jugend und Werbung unterstreichen ihre unbestrittene Kompetenz auf diesen Fachgebieten.

Sie war von 2012 bis 2014 Werber-Rat-Kolumnistin im Handelsblatt, zeigt mit ihrem Buch «Werbung auf der Couch» (2015, Herder-Verlag), warum und wie Werbung uns wirklich berühren kann. Heute ist sie zusätzlich Expertin für den „Werbecheck“ und Servicezeit-Psychologin in ihrer Sendung «5 Fallen – 2 Experten» zusammen mit Prof. Dr. Vogel (Jurist) im WDR-Fernsehen.

Im März 2022 erschien ihr zweites Buch «Warum Frauen die Welt retten werden und Männer dabei unerlässlich sind», das sie zusammen mit Janine Steeger verfasst hat. Anhand von Studienergebnissen zeigen die Autorinnen, warum das weibliche Prinzip die Welt retten kann. Sie erklären mit welchen Eigenschaften Frauen die grossen Aufgaben der Zukunft, wie die Klimakrise, Flucht und Migration oder Rassismus lösen werden.

Ines Imdahl ist seit 1999 verheiratet und hat vier Kinder. Neben ihrer Arbeit steht die Familie an erster Stelle.

Mehr über Ines Imdahl unter: ww.linkedin.com/in/ines-imdahl/