Green Pressure

Dienstag, 25. Mai 2021
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Nachhaltigkeit ist mehr denn je im Bewusstsein der Verbraucher präsent. Dabei müssen Ökologie, Wirtschaft und Soziales nicht im Widerspruch stehen, vielmehr steuern sie das gleiche Ziel an: eine progressive Entwicklung für eine nachhaltige Zukunft.

Der gesellschaftliche und ökologische Wandel vollzieht sich schneller als je zuvor. Der «Green Pressure», ­also der zunehmende Druck zum Grünen und Ökologischen steigt, und damit stehen Unternehmen vor elementaren Herausforderungen. Der Konsument von heute interessiert sich dafür, wie nachhaltig orientiert ein Unternehmen ist und woher die Gewinne kommen. Allerdings müssen Ökologie, Wirtschaft und Soziales keine widersprüchlichen Orientierungen sein. «Vielmehr bedingen sich die drei Aspekte gegenseitig und hängen voneinander ab», sagt Loreen Wachsmuth, die für das Projektbüro des Büros Deutscher Nachhaltigkeitskodex tätig ist. Wirtschaftsakteure seien daher aktuell sowohl Teil des Problems als auch Teil der Lösung. Der Mut zu innovativen Ansätzen wird durchaus mit Erfolg am Markt belohnt. Der Erfolg zeige sich laut Loreen Wachsmuth auf verschiedenen Ebenen: «Die Nachfrage nach entsprechend aufgestellten Arbeitgebern wächst unter den jungen Talenten, nachhaltiges Wirtschaften kann die Resilienz von Unternehmen fördern, und kreative Ansätze im Nachhaltigkeitsbereich können neue Märkte eröffnen.»

Positive nachhaltige Einstellung
Ein Green Business zu sein bedeutet nach Auffassung der Nachhaltigkeitsberatung Forum Zukunft, eine positive Einstellung zum Thema Nachhaltigkeit zu entwickeln und diese durch entsprechende Praktiken umzusetzen. «Hierzu gehört im Falle der Lebensmittelbranche vor allem, die Art und Weise zu überdenken, wie Produkte so eingekauft, entwickelt, produziert und bereitgestellt werden können, damit es keinen negativen Einfluss auf die Umwelt hat», erklärt Geschäftsführer Peter Frieß. Um von Anfang bis Ende eine nachhaltige Lieferkette zu schaffen, würden grüne Unternehmen beispielsweise darauf achten, die benötigten Materialien und Produkte von anderen grünen Unternehmen beziehungsweise Lieferanten zu beziehen. Im Fokus stünden hier vor allem Unternehmen, die biologisch produzieren, sich der Vermeidung von Lebensmittelabfällen und der Verwendung von umweltfreundlicheren Verpackungen angenommen haben.

Treiber von Green Business
Indessen wird das Thema Green Business von vielen verschiedenen Einflussfaktoren vorangetrieben. «Wie das Beispiel CO2-Besteuerung zeigt, zwingen gesetzliche Rahmen zunehmend das unternehmerische Verhalten im Sinne politisch definierter Nachhaltigkeit. Hier lautet das Stichwort EU-Green Deal», sagt Dr. Christian Geßner. Leiter ZNU – Zentrum für Nachhaltige Unternehmensführung. Zum anderen würden viele Ansprüche von Konsumenten, Lieferanten, Dienstleistern, aber auch von Öffentlichkeit und Non-Governmental Organisation (NGO, also Nicht-Regierungsorganisationen) auf Unternehmen einstürmen und mehr Nachhaltigkeit fordern. «Eine besondere Rolle spielt der Handel, der seit einigen Jahren in einen regelrechten Nachhaltigkeitswettbewerb getreten ist und das Thema vorantreibt.»

Einfluss auf die Konsumwelt
Fakt ist, Green Business hat die Konsumwelt beeinflusst, und ebenso hat die Konsumwelt Einfluss auf Green Business. «So sind Pionierunternehmen aus dem Bereich nachhaltiger Konsum mit innovativen Konzepten und Produkten vorangegangen, und andersherum haben Konsumenten zunehmend entsprechende Produkte nachgefragt», so Wachsmuth. Diese beidseitige Entwicklung habe dazu geführt, dass das Thema «nachhaltiger Konsum» im Mainstream angekommen sei. Dem fügt Peter Frieß, Geschäftsführer der Fokus Zukunft GmbH hinzu: «Durch das vermehrte Angebot nachhaltiger Produkte und die gelungene Kommunikation derer Vorteile können grüne Unternehmen langfristig zu einem veränderten Konsumverhalten beitragen, welches sich positiv auf die Umwelt auswirkt.» Damit die Konsumenten jedoch die nachhaltigere Kaufentscheidungen am Point of Sale wirklich treffen beziehungsweise treffen können, wird nach Auffassung des ZNU  mehr Aufklärungsarbeit und Wissensvermittlung benötigt. Mit der wachsenden Anzahl von Trennhinweisen auf Verpackungen werden nach Beobachtung des Instituts hier schon erste gute Wege gegangen. Zum anderen sind einfach verständliche und ganzheitliche Nachhaltigkeits-Beurteilungen erforderlich, die nicht verwirren, sondern eine echte Orientierung bieten.

Massnahmen zur Umsetzung
Eine Massnahme, die Unternehmen laut Fokus Zukunft ergreifen können, ist die Erstellung einer Öko-Bilanz für einzelne Produkte. In diesem Zusammenhang werden unter anderem die Lieferanten und die Herkunft der Rohstoffe überprüft. Doch auch kleine Schritte helfen auf dem Weg hin zu einem grünen Unternehmen. Dazu nennt die Nachhaltigkeitsberatung die Verwendung von recyclebarem Papier, das beidseitige Drucken, das Nutzen von wiederverwendbaren Wasserflaschen oder umweltfreundlichen Reinigungsmitteln. Ein weiterer wichtiger Bestandteil für den nachhaltigen Erfolg als Green Business ist die Kommunikation. «Unternehmen im Lebensmitteleinzelhandel sollten hierbei nicht nur klar kommunizieren, welchen Mehrwert die angebotenen Produkte für den Kunden selbst, sondern auch welche Vorteile diese für die Umwelt haben», sagt Peter Frieß. Ein ausschlaggebender Kaufgrund sei leider immer noch oft der Preis.  «Hier gilt es den Konsumenten klar zu machen, dass nachhaltig produzierte Produkte nicht immer gleich teurer sind, sondern man auf lange Sicht in vielen Fällen sogar Geld sparen kann.»

Chancen für den Handel
Nachhaltigeres Wirtschaften erleichtert die Lieferantenbewertung und fördert eine nachhaltigere Sortimentsgestaltung – so eine Einschätzung des ZNU – Zentrum für Nachhaltige Unternehmensführung. Reputationsrisiken gegenüber kritischen Anspruchsgruppen könnten dadurch minimiert werden, und der Know-how-Transfer mit den Herstellerunternehmen werde gestärkt. Letzten Endes verhelfe ein gutes Image auch bei der Bindung und Akquise neuer Mitarbeiter und Auszubildender. «Eine systematische und strukturierte Auseinandersetzung mit den einzelnen Themenfeldern ist erforderlich, um eine strategische Herangehensweise zu implementieren», so der ZNU-Leiter. Dies stellt für Unternehmen eine grosse Herausforderung dar, und sie müssen sich in diesem Kontext folgende Fragen stellen: Habe ich meine wesentlichen Nachhaltigkeitsthemen definiert und erfolgreich umgesetzt, bleibt die kommunikative Herausforderung im Markt? Wie gelingt es am POS, einfach und plakativ zu kommunizieren, ohne sich dabei angreifbar zu machen? Wie gelingt Wissensvermittlung im Markt, bei meinen Kollegen und bei den Kunden? «Hier zeigt sich, dass mehr Kooperation zwischen Hersteller und Handel notwendig ist, um letztendlich den Konsumenten auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit erfolgreich mitnehmen zu können», resümiert Dr. Geßner.

Klare Standpunkte
Die zentralen Nachhaltigkeitsthemen aus Sicht des deutschen Lebensmitteleinzelhandels liegen im qualitativ hochwertigen Angebot, in Transparenz und Rückverfolgbarkeit, im Ressourcenschutz (Stichworte: MSC, RSPO, Soja etc), einer nachhaltigeren Sortimentsgestaltung (Bio, Fair Trade, Demeter etc), in Tierwohl- und Verpackungsaspekten, aber auch in Mitarbeiterverantwortung und im Angebot von gesünderen Produkten (z.B. Reduktion von Salz, Zucker, Fetten). «Zu diesen wesentlichen Themen sollte klar ein Standpunkt bezogen werden. Anknüpfungspunkte am POS werden positiv wahrgenommen, so dass Aktionen im Markt zur Sensibilisierung und weiteren Aufklärung der Konsumenten führen», erklärt der Nachhaltigkeits-Experte. So könnten zum Beispiel nachhaltige Aspekte zunehmend in der Lebensmittelauswahl integriert und über Handzettel kommuniziert werden. Besondere Potenziale könnten im Bereich Social Media gesehen werden, da hier auch der Zugang zu umfangreichen, vertiefenden Nachhaltigkeits-Informationen geschaffen werden könne, was am Point of Sale so nicht möglich ist. «Generell gilt es die richtige Mischung zwischen Informationen und Emotionalisierung zu finden (Infotainment).»

Branchenexperten

Das ZNU – Zentrum für Nachhaltige Unternehmensführung ist ein anwendungsorientiertes Forschungsinstitut innerhalb der Fakultät für Wirtschaft und Gesellschaft der UW/H. Als Nachhaltigkeitsinitiative aus Wirtschaft und Wissenschaft arbeitet das ZNU kontinuierlich daran, Nachhaltigkeit für Unternehmen transparent messbar zu machen und Führungskräfte von heute und morgen für die Chancen Nachhaltiger Unternehmensführung zu begeistern.

Fokus Zukunft ist eine branchenunabhängige externe Nachhaltigkeitsberatungsgesellschaft für mittelständische Unternehmen. Für die beiden Markant Handelspartner Unimarkt und TransGourmet ist das Unternehmen der Umsetzungspartner für deren Klimaschutzstrategie. Dabei berechnet das Unternehmen seit einigen Jahren die CO2-Emissionen aller Standorte, gibt Vorschläge zur Reduktion und ist Lieferant für die benötigten hochwertigen Klimaschutzzertifikate zum Erreichen der Klimaneutralität. Das beinhaltet auch die CO2-Emissionen der Pfeiffer Logistik. Bei der Allianz für Umwelt und Klima von Unimarkt werden Lieferanten motiviert, die Emissionen zu berechnen, zu reduzieren und zu kompensieren. Zudem bietet Unimarkt das gesamte Sortiment im Biobereich «Natürlich für uns» klimaneutral an. Aktuell hat Fokus Zukunft gemeinsam mit dem Unternehmen die bereits bestehenden und die künftig möglichen Massnahmen zur Unterstützung der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen erarbeitet.

Deutscher Nachhaltigkeitskodex (DNK): Der DNK unterstützt den Aufbau einer Nachhaltigkeitsstrategie und bietet einen Einstieg in die Nachhaltigkeitsberichterstattung. Die regelmässige Berichterstattung macht die Entwicklung des Unternehmens im Zeitverlauf sichtbar. Um den DNK zu erfüllen, erstellen Anwender in der Datenbank eine Erklärung zu zwanzig DNK-Kriterien und den ergänzenden nichtfinanziellen Leistungsindikatoren.

Best Practice

Kaufland: Nachhaltige Sportmode aus recyceltem Kunststoff: Bereits zum zweiten Mal bringt Kaufland eine exklusive nachhaltige Sportkollektion aus recyceltem Polyester auf den Markt. Die Produkte werden aus gebrauchten PET-Flaschen, Fischernetzen und Kunststoffabfällen hergestellt und sind komplett nach dem Global Recycling Standard (GRS) zertifiziert. «Nachhaltigkeit ist aus unserer Kollektionsplanung nicht mehr wegzugdenken, sie wird an allen Stellen der Sortimentsgestaltung mitgedacht», sagt Johannes Mahrholdt, Geschäftsführer Einkauf Non Food International. Mit dieser Massnahme leistet Kaufland einen weiteren Beitrag zu REset Plastic, der Plastikstrategie der Schwarz Gruppe.

Verpackungen der Kaufland-Eigenmarken zukünftig mit Trennhinweisen: Zusammen mit der Schwarz Gruppe führt Kaufland sukzessive Trennhinweise auf Mehrkomponentenverpackungen ein. Ziel ist es, die Kunden zu motivieren, ihre Verpackungen richtig zu entsorgen und so einen Beitrag zu einem besseren Recycling zu leisten. Die Trennhinweise geben Auskunft über die Materialien, aus denen die einzelnen Verpackungskomponenten bestehen, und erleichtern somit die richtige Entsorgung. Im Sommer 2020 hat die Schwarz Gruppe bei über 1000 Verbrauchern eine repräsentative Online-Umfrage zum Thema Abfalltrennung in Deutschland durchgeführt. Die Ergebnisse zeigen, dass 80 Prozent der Befragten sich leicht zugängliche Informationen zum Trennen von Verpackungen – am besten direkt auf dem Produkt – wünschen. Diesen Wunsch der Verbraucher setzt das Unternehmen mit den Trennhinweisen zeitnah und pragmatisch um.

dm-drogerie markt: Umweltneutrale Produktreihe «Pro Climate»: Als derzeit erstes Unternehmen hat dm gemeinsam mit der Technischen Universität Berlin und Herstellpartnern eigene Produkte entwickelt, die nicht nur klima-, sondern sogar umweltneutral sind. Mit «Pro Climate» bietet dm seinen Kunden nachhaltigere Produkte an, um den bewussten Konsum zu fördern, und legt damit den Grundstein für einen noch umweltschonenderen Alltag. Die «Pro Climate»-Produkte sind seit Anfang April 2021 in allen mehr als 2000 dm-Märkten und im Onlineshop dem.de erhältlich. Bei den Produkten werden von Beginn an die Auswirkungen auf die Umwelt reduziert. Verbleibende, nicht vermeidbare Umweltauswirkungen aus der Produktion und Entsorgung der Produkte werden ganzheitlich und nachhaltig mit einem derzeit einzigartigen Ansatz durch Flächenaufwertung für die Umweltkategorien Klimawandel (CO₂), Eutrophierung, Versauerung, Sommersmog und Ozonabbau kompensiert. Durch Renaturierungsprojekte in Deutschland leistet dm in Zusammenarbeit mit dem Unternehmen «HeimatERBE» einen Beitrag zur Wiederherstellung der ökologischen Balance. So werden die Produkte umweltneutral und tragen aktiv zum Umweltschutz bei. Das umweltfreundliche Sortiment umfasst aktuell 13 Produkte aus den drogistischen Kernbereichen. Darunter Produkte der dm-Marken «alverde NATURKOSMETIK», «Denkmit» oder «SUNDANCE».

dm Österreich: Erfolgreiche Re-Validierung bei dmBio und alverde
Bereits zum fünften Mal wurde alverde NATURKOSMETIK das Gütesiegel «GREEN BRANDS Austria» verliehen. Auch die Marke dmBio erhält das Zertifikat zum zweiten Mal in Folge. Die als «GREEN BRANDS» ausgezeichneten Marken stehen für ein ökologisches und nachhaltigen Denken und Handeln. Sie leisten einen massgeblichen Beitrag zum Schutz des Klimas, der Umwelt, der Natur und Artenvielfalt sowie der Ressourcen. Im Zuge der fünfmaligen erfolgreichen Re-Validierung bewährt sich «alverde NATURKOSMETIK» seit Jahren als nachhaltige und umweltfreundliche Marke. Die «alverde»-Produkte entsprechen zudem den strengen Vorgaben des «NaTrue»-Gütesiegels. Im Ernährungssortiment wurde ebenso die Marke «dmBio» erneut von «GREEN BRANDS» gewürdigt. Die 2015 eingeführte Marke «dmBio» steht für nachhaltig produzierte Bio-Lebensmittel zu fairen Preisen. Insgesamt sind rund 2000 biologische Produkte im Bio-Sortiment bei dm vertreten. «Wir wollen unsere Kunden für ökologische Alternativen begeistern und im Handel eine Vorreiterrolle in Sachen «Enkeltauglichkeit» einnehmen. Als einstige Pioniere in den Bereichen Bio und Naturkosmetik ist uns das besonders gut gelungen. Dass unsere beiden dm Marken erneut als Green Brands ausgezeichnet wurden, freut uns daher ganz besonders – denn das Gütesiegel dokumentiert die Ernsthaftigkeit unserer Bemühungen, die hinter jeder Produktentwicklung von «dmBio» und «alverde NATURKOSMETIK» steckt!», sagt Geschäftsführer Harald Bauer.

Tipps für einen nachhaltigen Wandel

Nachhaltigkeit nicht übers Knie brechen: Es braucht Raum und Zeit, folgende Fragestellungen zu reflektieren: Was ist unser Beitrag für die Gesellschaft? Welche Auswirkungen auf Umwelt, Wirtschaft und Soziales hat unser Unternehmen? Was sind unsere wesentlichen Themen?

Mit Augenmass vorgehen: Am Anfang empfiehlt es sich, Projekte auf den Weg zu bringen, bei denen es sich um wesentliche Themen des Unternehmens handelt und der positive ökonomische Effekt schnell zu erkennen ist (z. B. durch Effizienzgewinne oder Verpackungsoptimierungen). Die Erfolge sollten klar kommuniziert werden.

Kooperationen und Netzwerke nutzen: Man muss nicht in jedem Themenfeld Experte werden. Der Austausch bringt oft schneller und einfacher Ergebnisse. Hierzu sollten die Mitarbeiter ermutigt werden, Nachhaltigkeitsnetzwerke zu nutzen.

Commitment darf nicht fehlen: Steht die Geschäftsleitung nicht zu 100 Prozent dahinter, kann nachhaltiger Wandel nicht von Erfolg gekrönt sein.

Quelle: ZNU – Zentrum für Nachhaltige Unternehmensführung