Essen aus dem Drucker

Dienstag, 05. August 2014
Foto: Getty Images/ Bloomberg

Bereits in diesem Jahr werden die ersten 3D-Drucker für Lebensmittel für unter 1.000 Euro auf den Markt kommen, so die Prognosen von Experten.

In zwei, drei Jahren, so die Annahme des Trendforschers Sven Gábor Jánszky, würden die Printer nicht mehr kosten als eine Kaffeemaschine. Jeder, der einen Nutzen für sich sehe, werde sie in seiner Küche haben können. Allerdings werden sich die druckbaren Lebensmittel unterschiedlich schnell entwickeln. Während Nudeln und Pizza sehr schnell kostengünstig auf den Markt kommen könnten, sei der Druck von Fleisch derzeit noch sehr kostspielig, weil das Klonen der tierischen Gewebezellen noch recht umständlich sei. Das werde noch einige Jahre brauchen, so Jánszky (siehe auch Interview-Kasten).

3D-Drucker sind heute in der Lage aus einer flüssigen Substanz eine feste Form zu gießen. Meistens geschieht das mit Kunststoffen, die in geschmolzener Form in den Drucker gegeben werden. Eine bewegliche Düse spritzt die gewünschte Form, die am Computer entworfen wird. Andere 3D-Drucker fräsen Formen oder verwenden Laser zum Schmelzen von Materialien. Dieses Prinzip macht sich der NASA-Partner SMRC zunutze, um die Nahrungsmittelversorgung der Astronauten auf Langzeitmissionen zum Mars sicher zu stellen. Aus einzelnen Nahrungsbausteinen wie Zucker, Kohlenhydrate und Proteine versetzt mit Aromastoffen soll der Bio-Printer nach zuvor vom Computer geladenen Rezept Nudeln oder Pizza drucken, um die Astronautenkost aus der Tube aufzupeppen.

Inzwischen experimentieren Programmierer und Lebensmitteltechniker auch für innovative Unternehmen und Forschungsinstitute mit den ersten Prototypen. Und auch weltweit tätige Nahrungsmittelkonzerne wie der Nudelhersteller Barilla stehen zum Sprung bereit. So tüftelt etwa das Start-up-Unternehmen Natural Machines in Barcelona an einem Pizza-Printer (Foodini), und Barilla in Kooperation mit Wissenschaftlern der TU Eindhoven an einem Pasta-Drucker.

Der niederländische Think Tank TNO Research hält es für realistisch, schon von 2015 an Pflegeheime mit 3D-Druckern zu versorgen. Mit Hilfe der Printer könnten pürierter Nahrung personenspezifisch Nährstoffe beigemengt werden. Große Hoffnungen setzen die Wissenschaftler dabei auf die SLS-Drucktechnik, das selektive Laserschmelzen. Dabei wird auf die Druckfläche eine Pulverschicht aufgetragen. Ein Laser bringt das Pulver zum Schmelzen und in die gewünschte Form. Auf diese Weise kann man heute schon aus Kakaopulver Schokoladenkreationen herstellen, die sowohl das Auge als auch am Gaumen überzeugen.

Die Niederländer gehen noch einen Schritt weiter und sehen in den Druckern eine Chance, die Versorgungsprobleme angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung zu mildern. Nahrung aus dem Drucker, so die Überlegung, könnte auf Grundstoffen basieren, die sich leicht aus pflanzlichen und tierischen Quellen herstellen lassen, die in ihrer natürlichen Form nicht für Menschen geeignet wären, etwa Algen, Gras oder Insekten, Material, das fast überall zur Verfügung steht.

Info

Pizza Margarita in zehn Minuten Unter dem Titel Foodini setzt das Start-up-Unternehmen Natural Machines in Barcelona auf das dreidimensionale Drucken, um Pizza herzustellen. Der Teigboden wird im Moment des Drucks auf einer beheizten Unterlage gebacken. Die Zutaten werden vom Gerät in Pulverform zugeführt und vor dem Drucken mit Wasser und Öl zu einer druckbaren Masse verarbeitet. Die Schwierigkeit dabei: Nur extrem dünnflüssiger Brei kann durch die Düse gedrückt werden.

Gedruckte Pasta: Barilla, weltweit größter Nudelhersteller aus dem norditalienischen Parma, entwickelt in Kooperation mit der TU Eindhoven einen Prototypen, der 15 bis 20 Nudeln in 2 Minuten erstellen kann. Der Nudelprinter ist nicht nur für den industriellen Gebrauch gedacht sondern auch für den Einsatz in Restaurants.

Mittels Laserschmelzens gelang es niederländischen Wissenschaftlern von TNO Research, ein Dessert aus dem Drucker zu kreieren, das mit einem Michelin-Stern prämiert wurde.

Fleisch soll bald folgen: Das US-Unternehmen Modern Meadow (zu Deutsch: Moderne Wiese) arbeitet an der Produktion von essbarem Fleisch durch Verwendung von 3D-Druckern mit wirtschaftlichen und umweltfreundlichen Herstellmethoden, die zudem nicht auf unethische Tötung von Tieren angewiesen ist.

 

 

Interview

Interview mit Sven Gábor Jánszky, Trendforscher und Geschäftsführer des 2b AHEAD Think Tank, Leipzig, über Essen aus dem 3D-Drucker.

Wie wird der 3D-Drucker das Verhalten der Konsumenten beeinflussen?
3D-Drucker für Lebensmittel werden sich dann in größeren Kundensegmenten durchsetzen, wenn sie einen klaren, neuen Kundennutzen haben. Die gedruckten Lebensmittel müssen entweder billiger sein oder sehr schnell und bequem herzustellen, oder aber so individuell und adaptiv, wie es die Konkurrenzprodukte in der Supermarktregalen nicht sein können. Vermutlich wird letzteres zunächst die zentrale Eigenschaft sein. Damit werden die Printer den Trend nach Convenience Food und individuellem, situationsabhängigem Food weitertreiben.

Welche Folgen sehen Sie für den stationären Handel?
Zunächst wird der stationäre Handel kaum etwas merken. Die Discounter werden mit ihren preisgünstigen Lebensmitteln noch lange das Massensegment dominieren. Denn die 3D-Drucker zielen zunächst auf das Segment jener Kunden, die auf individuelle und ausgefallene Produkte Wert legen. Der stationäre Handel im heutigen Premium- und Biosegment wird allerdings merken, dass es unter seinen angeblich so ökologisch orientierten Kunden ein großes Segment von Kunden gibt, denen es gar nicht um Bioprodukte geht, sondern darum ihren Mitmenschen zu zeigen, dass sie besonders sind. Ich nenne dieses Segment die "Identitätsmanager", weil sie Nahrungsmittel benutzen, um ihre Identität auszudrücken. Diese werden auf den neuen, hippen Trend des 3D-Druckens übergehen. Dies wird zum großen Teil zu Lasten der heutigen Biomärkte gehen.

Ist der 3D-Drucker für Restaurants und Fast-Food-Ketten interessant?
Selbstverständlich wird der Printer zuerst in den hochklassigen Restaurants zum Einsatz kommen, und zwar in jenen, die sich nicht vordergründig als biologisch-nachhaltig positionieren sondern als innovativ-experimentierfreudig. Bei Fast-Food-Ketten ist der Einsatz kurzfristig kaum vorstellbar. Denn die Lebensmittel aus dem Bio-Printer werden noch einige Jahre wesentlich teurer sein als die kostenoptimierte Fast-Food-Produktion erlaubt.
 

 

Statement

Wie realistisch ist die Vorstellung von Fleisch aus dem 3D-Drucker? Dazu Dr. Eike Wenzel, Gründer und Leiter des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung
„Die Idee der Dinge-Drucker fasziniert Menschen. Momentan, so schätzen Experten, kostet die Herstellung von einem Stück Fleisch im 3D-Drucker noch rund 50.000 Euro. Also kein realistisches Szenario für die kommenden zehn Jahre. Die Idee, rein digital, unabhängig von analogen Quellen – ohne ein Tier zu töten – Lebensmittel herzustellen, ist atemberaubend. Jetzt geht es aber erst einmal darum, einfache Zellstrukturen mit dem Bio-Printer herzustellen. In zehn Jahren werden wir aber durchaus so weit sein, dass wir über digitale Formen der Fleisch- und Lebensmittelherstellung nachdenken werden.“