
Foto: Koelnmesse GmbH, Thomas Klerx
Die Ernährung der Zukunft wird deutlich bewusster, vielfältiger und nachhaltiger sein als heute, so eine Beobachtung der Anuga. «Statt von Überfluss und Wegwerfmentalität geprägt zu sein, rückt die Ernährung der Zukunft stärker die tatsächlichen Bedürfnisse der Verbraucher in den Mittelpunkt – verbunden mit dem Anspruch, Umwelt und Ressourcen zu schonen», so Jan Philipp Hartmann, Direktor der Anuga. Eine entscheidende Rolle würden dabei alternative Proteinquellen übernehmen. Mit «Anuga Alternatives» will die Messe dafür eine internationale Bühne schaffen, auf der pflanzliche, pilzbasierte und algenbasierte Produkte ebenso vorgestellt werden wie zellkultiviertes Fleisch. «Diese Entwicklungen sind keine kurzfristige Mode, sondern Ausdruck eines tiefgreifenden Umbruchs in der Lebensmittelindustrie, der durch Verbraucherinteresse ebenso getrieben wird wie durch technologische Innovationen», berichtet Hartmann. Dem fügt Ivo Rzegotta, Senior Public Affairs Manager Germany bei The Good Food Institute Europe (gfi Europe) hinzu: «Innovative neue Lebensmittel auf Basis von alternativen Proteinquellen ermöglichen es den Verbrauchern, häufiger zu nachhaltigen Optionen zu greifen, ohne ihre Konsummuster dabei ändern zu müssen».
Dynamischer Nischenmarkt
Eine etwas differenzierte Ansicht vertritt hierzu die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE): «Alternative Proteinquellen sind bislang ein Nischenmarkt. Weltweit steigt die Nachfrage nach Fleisch weiterhin deutlich – vor allem in Schwellenländern», berichtet BVE-Geschäftsführer Olivier Kölsch. «Dennoch sehen wir auch in Deutschland ein wachsendes Interesse an pflanzenbasierten oder innovativen Proteinquellen. Die Entwicklung ist dynamisch, aber noch nicht breit im Alltag der Verbraucher angekommen.» In den vergangenen Jahren gab es in diesem Bereich viel Bewegung – von Neugründungen über Kooperationen bis hin zu Insolvenzen. Die deutsche Ernährungsindustrie bringt laut BVE das Know-how, die Infrastruktur und das Innovationspotenzial mit, um diesen Markt mitzugestalten – vorausgesetzt, die politischen Rahmenbedingungen lassen Technologieoffenheit zu und fördern Investitionen.
Damit diese Lebensmittel eine attraktive Option für breite Teile der Bevölkerung werden, braucht es aus Sicht von gfi Europe weitere Fortschritte im Hinblick auf Geschmack, Textur und Kocheigenschaften sowie eine Senkung der Produktionskosten, damit die Produkte preislich attraktiver werden. Getrieben werde der Wandel hin zu mehr nachhaltigen Optionen vor allem von der Gruppe der Flexitarier, die in Deutschland mit fast 40 Prozent besonders gross sei. Und dabei greifen laut Rzegotta die Shopper vor allem zur Eigenmarke. Während der Umsatz mit pflanzenbasierten Markenprodukten im deutschen Einzelhandel zwischen 2022 und 2024 stagniert ist, ist der Umsatz mit Eigenmarken um fast 27 Prozent gestiegen und damit der Hauptgrund für den Gesamtanstieg um sieben Prozent, so eine Beobachtung der NGO.
Innovation und Information
Damit der Wandel weg von Überfluss, hin zu Sinn, Haltung und echter Bedürfnisorientierung auch nachhaltig gelingt, braucht es mehr als nur neue Produkte: «Wir müssen Innovationen fördern, Verbraucher informieren und den Zugang zu attraktiven, erschwinglichen und geschmacklich überzeugenden Alternativen erleichtern», sagt Hartmann. Forschung, Wirtschaft und Umweltschutzorganisationen sollten laut dem Anuga-Direktor daher enger zusammenarbeiten, um Lösungen zu entwickeln, die ökologische und soziale Verantwortung miteinander verbinden.
Globale Trends
Zusammen mit dem Knowledge Partner Innova Market Insights hat die Messe eine Bandbreite an Trends identifiziert, die zeigen, wie dynamisch sich die globale Lebensmittelbranche entwickelt. Besonders deutlich zeichne sich der Aufstieg der personalisierten Ernährung ab. Dabei kann Künstliche Intelligenz in vielfältiger Weise zur personalisierten Ernährung beitragen. «Durch die Analyse individueller Parameter – wie Alter, Körpergewicht, Genetik, bestehende Allergien, Vorerkrankungen sowie spezifische Ernährungspräferenzen lassen sich massgeschneiderte Ernährungskonzepte entwickeln», berichtet Jens Schröder, Head of Automation Technology am Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik e. V. (DIL). Abhängig von der verfügbaren Datenbasis könne auf dieser Grundlage in Echtzeit Anpassungen vorgenommen werden, um spezifische gesundheitliche Zielsetzungen, etwa im Rahmen des Gewichtsmanagements oder der Prävention und Therapie von Krankheiten, zu unterstützen. Ferner schätzt der Experte das Potenzial des Einsatzes von KI zur Analyse von Geschmackstrends als sehr gross ein. «Mittels KI-gestützter Analysen des Kaufverhaltens von Konsumenten können Informationen zu Präferenzen hinsichtlich spezifischer Produkte und Geschmacksrichtungen abgeleitet werden». Ergänzend hierzu ermögliche die Analyse von Online-Rezensionen sowie Inhalten in sozialen Medien die frühzeitige Identifikation aufkommender Trends.
Parallel zum Trend der personalisierten Ernährung wachse das Bewusstsein für Nachhaltigkeit – Konsumierende würden umweltfreundliche Produkte erwarten, von pflanzlichen Proteinen wie Fava-Bohnen bis hin zu ressourcenschonenden Alternativen für Kakao, Kaffee oder Orangensaft. «Auch Convenience und Snacking bleiben starke Treiber, allerdings mit einem klaren Anspruch: Genuss und Komfort sollen mit gesunden, nachhaltigen und innovativen Konzepten einhergehen.» Zudem gewinnen laut dem Anuga-Direktor Eigenmarken weltweit an Relevanz, vor allem in Europa, wo Handelsmarken zunehmend mit Qualität und Innovationskraft punkten. Im Premium-Segment würden sich daher Produkte durchsetzen, die neben Exklusivität auch ethische Herstellung und höchste Qualitätsstandards bieten. Ferner spiegeln Gesundheitsthemen wie «Gut & Digestive Health» und Clean Label den Wunsch nach mehr Transparenz und einer bewussten, darmfreundlichen Ernährung wider. An Relevanz gewinnen auch Halal-Produkte. So soll der globale Markt für Halal-Lebensmittel und -Getränke laut Statista bis 2028 auf fast 1,94 Billionen US-Dollar ansteigen. All dies macht deutlich: «Die Zukunft der Ernährung wird vielfältiger, gesünder und nachhaltiger – und die Anuga 2025 bietet der Branche die Bühne, diese Trends aktiv mitzugestalten», so der Anuga-Direktor.
Erfolgsstrategie der Zukunft
Für Industrie und Handel gilt es nun gleichermassen, die sich immer schneller verändernden Trends und Entwicklungen aufmerksam zu begleiten und ihre Potenziale realistisch einzuschätzen. Gleichzeitig bleibt das Marktumfeld anspruchsvoll: «Werteorientierter Konsum findet statt, ist aber stark vom Preisgefüge und der gesamtwirtschaftlichen Lage abhängig. Wer erfolgreich sein will, sollte daher auf ein ausgewogenes Sortiment setzen und die Wünsche der Verbraucher stets im Blick behalten», so das Resümee von Hartmann.
Nachhaltiges Wachstum
Jan Philipp Hartmann, Direktor der Anuga, über das Thema «Sustainable Growth» und die sich ergebenden Herausforderungen und Chancen für die Branche.






Eine kürzlich erschienene Studie von Systemiq hat ermittelt, dass das wirtschaftliche Potenzial von alternativen Proteinen enorm ist. Mit hinreichender politischer Unterstützung könnte der Bereich bis 2045 bis zu 65 Milliarden Euro zur deutschen Wirtschaft beitragen und bis zu 250 000 neue Arbeitsplätze entlang der gesamten Wertschöpfungskette schaffen. Dabei hat Deutschland als exportgetriebene Industrienation besonderes Potenzial bei der Herstellung und dem Export von industriellen Vorleistungen, also zum Beispiel von Extrudern für pflanzliche Fleischalternativen und Fermentern für moderne Fermentationstechnologien. Allein im Export liegt das Potenzial bei bis zu 35 Milliarden Euro im Jahr 2045.








