Bewusster, vielfältiger und nachhaltiger

Dienstag, 30. September 2025
Foto: Koelnmesse GmbH, Thomas Klerx

Die Ernährung der Zukunft wird deutlich bewusster, vielfältiger und nachhaltiger sein als heute, so eine Beobachtung der Anuga. «Statt von Überfluss und Wegwerfmentalität geprägt zu sein, rückt die Ernährung der Zukunft stärker die tatsächlichen Bedürfnisse der Verbraucher in den Mittelpunkt – verbunden mit dem Anspruch, Umwelt und Ressourcen zu schonen», so Jan Philipp Hartmann, Direktor der Anuga. Eine entscheidende Rolle würden dabei alternative Proteinquellen übernehmen. Mit «Anuga Alternatives» will die Messe dafür eine internationale Bühne schaffen, auf der pflanzliche, pilzbasierte und algenbasierte Produkte ebenso vorgestellt werden wie zellkultiviertes Fleisch. «Diese Entwicklungen sind keine kurzfristige Mode, sondern Ausdruck eines tiefgreifenden Umbruchs in der Lebensmittelindustrie, der durch Verbraucherinteresse ebenso getrieben wird wie durch technologische Innovationen», berichtet Hartmann. Dem fügt Ivo Rzegotta, Senior Public Affairs Manager Germany bei The Good Food Institute Europe (gfi Europe) hinzu: «Innovative neue Lebensmittel auf Basis von alternativen Proteinquellen ermöglichen es den Verbrauchern, häufiger zu nachhaltigen Optionen zu greifen, ohne ihre Konsummuster dabei ändern zu müssen».

Dynamischer Nischenmarkt
Eine etwas differenzierte Ansicht vertritt hierzu die Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie (BVE): «Alternative Proteinquellen sind bislang ein Nischenmarkt. Weltweit steigt die Nachfrage nach Fleisch weiterhin deutlich – vor allem in Schwellenländern», berichtet BVE-Geschäftsführer Olivier Kölsch. «Dennoch sehen wir auch in Deutschland ein wachsendes Interesse an pflanzenbasierten oder innovativen Proteinquellen. Die Entwicklung ist dynamisch, aber noch nicht breit im Alltag der Verbraucher angekommen.» In den vergangenen Jahren gab es in diesem Bereich viel Bewegung – von Neugründungen über Kooperationen bis hin zu Insolvenzen. Die deutsche Ernährungsindustrie bringt laut BVE das Know-how, die Infrastruktur und das Innovationspotenzial mit, um diesen Markt mitzugestalten – vorausgesetzt, die politischen Rahmenbedingungen lassen Technologieoffenheit zu und fördern Investitionen.

Damit diese Lebensmittel eine attraktive Option für breite Teile der Bevölkerung werden, braucht es aus Sicht von gfi Europe weitere Fortschritte im Hinblick auf Geschmack, Textur und Kocheigenschaften sowie eine Senkung der Produktionskosten, damit die Produkte preislich attraktiver werden. Getrieben werde der Wandel hin zu mehr nachhaltigen Optionen vor allem von der Gruppe der Flexitarier, die in Deutschland mit fast 40 Prozent besonders gross sei. Und dabei greifen laut Rzegotta die Shopper vor allem zur Eigenmarke. Während der Umsatz mit pflanzenbasierten Markenprodukten im deutschen Einzelhandel zwischen 2022 und 2024 stagniert ist, ist der Umsatz mit Eigenmarken um fast 27 Prozent gestiegen und damit der Hauptgrund für den Gesamtanstieg um sieben Prozent, so eine Beobachtung der NGO. 

Innovation und Information
Damit der Wandel weg von Überfluss, hin zu Sinn, Haltung und echter Bedürfnisorientierung auch nachhaltig gelingt, braucht es mehr als nur neue Produkte: «Wir müssen Innovationen fördern, Verbraucher informieren und den Zugang zu attraktiven, erschwinglichen und geschmacklich überzeugenden Alternativen erleichtern», sagt Hartmann. Forschung, Wirtschaft und Umweltschutzorganisationen sollten laut dem Anuga-Direktor daher enger zusammenarbeiten, um Lösungen zu entwickeln, die ökologische und soziale Verantwortung miteinander verbinden.  

Globale Trends
Zusammen mit dem Knowledge Partner Innova Market Insights hat die Messe eine Bandbreite an Trends identifiziert, die zeigen, wie dynamisch sich die globale Lebensmittelbranche entwickelt. Besonders deutlich zeichne sich der Aufstieg der personalisierten Ernährung ab. Dabei kann Künstliche Intelligenz in vielfältiger Weise zur personalisierten Ernährung beitragen. «Durch die Analyse individueller Parameter – wie Alter, Körpergewicht, Genetik, bestehende Allergien, Vorerkrankungen sowie spezifische Ernährungspräferenzen lassen sich massgeschneiderte Ernährungskonzepte entwickeln», berichtet Jens Schröder, Head of Automation Technology am Deutschen Institut für Lebensmitteltechnik e. V. (DIL). Abhängig von der verfügbaren Datenbasis könne auf dieser Grundlage in Echtzeit Anpassungen vorgenommen werden, um spezifische gesundheitliche Zielsetzungen, etwa im Rahmen des Gewichtsmanagements oder der Prävention und Therapie von Krankheiten, zu unterstützen. Ferner schätzt der Experte das Potenzial des Einsatzes von KI zur Analyse von Geschmackstrends als sehr gross ein. «Mittels KI-gestützter Analysen des Kaufverhaltens von Konsumenten können Informationen zu Präferenzen hinsichtlich spezifischer Produkte und Geschmacksrichtungen abgeleitet werden». Ergänzend hierzu ermögliche die Analyse von Online-Rezensionen sowie Inhalten in sozialen Medien die frühzeitige Identifikation aufkommender Trends. 

Parallel zum Trend der personalisierten Ernährung wachse das Bewusstsein für Nachhaltigkeit – Konsumierende würden umweltfreundliche Produkte erwarten, von pflanzlichen Proteinen wie Fava-Bohnen bis hin zu ressourcenschonenden Alternativen für Kakao, Kaffee oder Orangensaft. «Auch Convenience und Snacking bleiben starke Treiber, allerdings mit einem klaren Anspruch: Genuss und Komfort sollen mit gesunden, nachhaltigen und innovativen Konzepten einhergehen.» Zudem gewinnen laut dem Anuga-Direktor Eigenmarken weltweit an Relevanz, vor allem in Europa, wo Handelsmarken zunehmend mit Qualität und Innovationskraft punkten. Im Premium-Segment würden sich daher Produkte durchsetzen, die neben Exklusivität auch ethische Herstellung und höchste Qualitätsstandards bieten. Ferner spiegeln Gesundheitsthemen wie «Gut & Digestive Health» und Clean Label den Wunsch nach mehr Transparenz und einer bewussten, darmfreundlichen Ernährung wider. An Relevanz gewinnen auch Halal-Produkte. So soll der globale Markt für Halal-Lebensmittel und -Getränke laut Statista bis 2028 auf fast 1,94 Billionen US-Dollar ansteigen. All dies macht  deutlich: «Die Zukunft der Ernährung wird vielfältiger, gesünder und nachhaltiger – und die Anuga 2025 bietet der Branche die Bühne, diese Trends aktiv mitzugestalten», so der Anuga-Direktor.

Erfolgsstrategie der Zukunft
Für Industrie und Handel gilt es nun gleichermassen, die sich immer schneller verändernden Trends und Entwicklungen aufmerksam zu begleiten und ihre Potenziale realistisch einzuschätzen. Gleichzeitig bleibt das Marktumfeld anspruchsvoll: «Werteorientierter Konsum findet statt, ist aber stark vom Preisgefüge und der gesamtwirtschaftlichen Lage abhängig. Wer erfolgreich sein will, sollte daher auf ein ausgewogenes Sortiment setzen und die Wünsche der Verbraucher stets im Blick behalten», so das Resümee von Hartmann.

 

Nachhaltiges Wachstum 

Jan Philipp Hartmann, Direktor der Anuga, über das Thema «Sustainable Growth» und die sich ergebenden Herausforderungen und Chancen für die Branche.
Foto: Marvin Ruppert
 
Herr Hartmann, wie lautet das Leitthema der Anuga?
Jan Philipp Hartmann: Es lautet erneut «Sustainable Growth», also nachhaltiges Wachstum. Wir haben uns bewusst entschieden, dasselbe Thema wie 2023 zu wählen, weil Nachhaltigkeit nach wie vor der zentrale Treiber für die Transformation der Lebensmittel- und Getränkeindustrie ist. Damit rücken wir die zentrale Frage in den Mittelpunkt, wie sich wirtschaftliches Wachstum in der Lebensmittel- und Getränkeindustrie mit ökologischer und sozialer Verantwortung in Einklang bringen lässt. 
 
Welches Ziel verfolgen Sie dabei?
Jan Philipp Hartmann: Wir wollen zeigen, wie Unternehmen durch Innovation, technologische Fortschritte und transparente Lieferketten Wege einschlagen können, die Ressourcen schonen, Food Waste reduzieren und klimafreundliche Produktionsmethoden fördern. Unterstützt durch den Bundesverband des Deutschen Lebensmittelhandels e.V. (BVLH) schaffen wir auf der Anuga eine Plattform für Austausch und Zusammenarbeit, auf der nachhaltige Lösungen für die globale Ernährungswirtschaft präsentiert und diskutiert werden. 
 
Was sind die Highlights der Anuga?
Jan Philipp Hartmann: Ein besonders herausragendes Highlight sind die Sonderflächen, etwa der Anuga Organic Supermarket, der nachhaltige und zertifizierte Bio-Produkte mit transparenten Herkunftsnachweisen präsentiert. Das spiegelt den wachsenden Stellenwert ökologischer Lebensmittel wider. Ein weiterer Fokus liegt auf zwei bedeutenden Nischenmärkten: dem Halal- und Kosher-Segment. Mit dem Anuga Halal Market und dem Anuga Kosher Market richtet sich die Messe an die wachsende Nachfrage nach Produkten, die religiösen Vorschriften entsprechen. Diese Märkte wachsen weltweit, auch in Europa, und bieten Unternehmen neue Chancen, ihr Portfolio zu diversifizieren und interkulturellen Austausch zu fördern. 
 
Korea ist dieses Jahr das Partnerland der Anuga. Welche Chancen bietet K-Food dem deutschen Handel?
Jan Philipp Hartmann: K-Food, also die koreanische Küche und Lebensmittelindustrie, erlebt weltweit einen starken Boom – angetrieben durch eine Kombination aus traditioneller Kulinarik und modernen Ernährungstrends. Besonders fermentierte Produkte wie Kimchi oder fermentierte Würzmittel bieten nicht nur charakteristischen Geschmack, sondern auch gesundheitliche Vorteile, die bei gesundheitsbewussten und vegan-orientierten Konsumenten gut ankommen. Für den deutschen Handel eröffnet das vielfältige koreanische Produktportfolio attraktive Möglichkeiten, neue Zielgruppen anzusprechen.

 

 

News

Foto: MCS

Die MCS Marketing & Convenience-Shop System GmbH ist neues Fördermitglied im Bundesverband freier Tankstellen (bft).

Foto: Switzerland Cheese Marketing

Vom 13. bis 15. November fanden die World Cheese Awards zum ersten Mal in der Schweiz statt.

Foto: vanozza foods

Das Unternehmen Vanozza Foods ist als Pitch-Gewinner der voilà! Start-up-Arena hervorgegangen, die dieses Mal im Rahmen der Anuga 2025 in Köln stattfand.

Foto: Archiv Fancy by Nature

Das Unternehmen «Fancy by Nature» ist als markantestes Start-up aus den Pitchs in der voilà! Start-up-Arena des 128. Markant Handelsforums hervorgegangen.

Interview

«Es braucht eine pragmatische Weiterentwicklung»

Das Markant Magazin ONE hat mit Olivier Kölsch, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Deutschen Ernährungsindustrie e. V. über Werte, Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit der Branche gesprochen und welche Rahmenbedingungen es dazu braucht.

Der Konsum befindet sich im Wandel – weg von Überfluss und Schuld, hin zu Sinn, Haltung und echter Bedürfnisorientierung. Wie sieht in dem Kontext die Zukunft der Ernährung aus? 
Olivier Kölsch: Die Annahme eines grundlegenden Wandels des Konsums hin zu mehr Sinn und Haltung lässt sich anhand der aktuellen Marktdaten nur bedingt belegen. So hat sich zwar der Bio-Umsatz nach dem Rückgang im Jahr 2022 wieder moderat erholt und erreichte 2024 mit knapp 17 Milliarden Euro einen neuen Rekordwert. Inflationsbereinigt bleibt der Ausgabenanteil jedoch unter den Werten aus den Vorjahren. Gleichzeitig bleibt das Marktumfeld herausfordernd: Wachstum ist stark von der gesamtwirtschaftlichen Lage abhängig, und viele Verbraucher agieren weiterhin vor allem preissensibel. Werteorientierter Konsum findet statt – jedoch vorwiegend in einem kleinen, preisbewussten Segment.

Wie kann dieser Wandel erfolgreich vollzogen werden? Was braucht es hierfür?
Olivier Kölsch: Unsere Branche befindet sich stets im Wandel, da sie ständig auf sich verändernde Kundenansprüche reagieren muss. Unternehmen verfolgen nicht erst seit gestern ambitionierte Nachhaltigkeitsziele! Um diesen Weg erfolgreich weitergehen zu können, müssen jedoch die Rahmenbedingungen stimmen. Wirtschaftsbetriebe können nur dann in erneuerbare Energien, effizientere Maschinen und umweltfreundliche Innovationen investieren, wenn sie die Kosten unter Kontrolle und auskömmliche Margen haben. Entscheidend ist, dass politische und wirtschaftliche Rahmenbedingungen innovationsfreundlich ausgestaltet sind und Verbraucher nicht überfordert werden – weder finanziell noch mit unrealistischen Erwartungen.

Muss die Ernährung generell neu gedacht werden?
Olivier Kölsch: Nein. Die Grundlagen unserer Ernährung sind stabil. Dazu gehört auch eine kontinuierliche Weiterentwicklung in der Branche – etwa durch neue Technologien, optimierte Prozesse oder erweiterte Produktportfolios. Eine komplette Neuausrichtung ist nicht notwendig, wohl aber eine pragmatische Weiterentwicklung im Sinne von Nachhaltigkeit, Effizienz und Versorgungssicherheit. Was sich in der Tat ändern muss, sind die Produktionsbedingungen am Standort Deutschland. Damit Lebensmittel und Getränke aus Deutschland auch international wettbewerbsfähig bleiben, brauchen wir dauerhaft günstigere Energie, niedrigere Lohnstückkosten und einen massiven Rückbau von Bürokratie.
Foto: Heike Fischer Fotografie 

 

Statement

Das wirtschaftliche Potenzial von alternativen Proteinquellen in Deutschland  

Eine kürzlich erschienene Studie von Systemiq hat ermittelt, dass das wirtschaftliche Potenzial von alternativen Proteinen enorm ist. Mit hinreichender politischer Unterstützung könnte der Bereich bis 2045 bis zu 65 Milliarden Euro zur deutschen Wirtschaft beitragen und bis zu 250 000 neue Arbeitsplätze entlang der gesamten Wertschöpfungskette schaffen. Dabei hat Deutschland als exportgetriebene Industrienation besonderes Potenzial bei der Herstellung und dem Export von industriellen Vorleistungen, also zum Beispiel von Extrudern für pflanzliche Fleischalternativen und Fermentern für moderne Fermentationstechnologien. Allein im Export liegt das Potenzial bei bis zu 35 Milliarden Euro im Jahr 2045.
Ivo Rzegotta, Senior Public Affairs Manager Germany,
The Good Food Institute Europe (gfi Europe)

Foto: Sven Serkis

 

Info

Ernährung der Zukunft: Trends und Fokusthemen  

  • Personalisierte Ernährung: Auf den Menschen abgestimmt 
  • Nachhaltigkeit: Umweltbewusstsein prägt den Markt 
  • Alternative Proteinquellen: Flexitarismus auf dem Vormarsch 
  • Convenience und Snacking: Genuss ohne Verzicht 
  • Private Label: Starke Eigenmarken im Aufwind 
  • Premium & Gourmet: Hochwertig, nachhaltig, exklusiv 
  • Gut & Digestive Health: Gesundheit beginnt im Darm 
  • Halal: Wachsender Markt mit hoher Innovationskraft 
  • Clean Label: Transparenz als Kaufkriterium 

Quelle: Anuga