Auf dem Prüfstand

Donnerstag, 20. August 2020
Foto: Unternehmen

BBE-Geschäftsführer Joachim Stumpf sieht Corona als Beschleuniger der Strukturveränderungen im Handel – bescheinigt aber LEH und Drogeriemärkten eine hohe Resilienz.

Herr Stumpf, die Corona-Beschränkungen bescheren dem stationären Handel massive Verluste. Lässt sich ein dramatisches Ladensterben überhaupt noch vermeiden?
Corona ist lediglich ein Beschleuniger von Strukturveränderungen im Handel. Allein von 2006 bis 2018 hat sich die Anzahl an Einzelhandelsunternehmen in Deutschland um über 70 000 reduziert. Diese Zahl ist Ausdruck der hohen Marktanteilsverluste, die vor allem der mittelständische Handel verzeichnen musste. Im gleichen Zeitraum ist der Online-Umsatz von 8,4 auf 53,3 Milliarden Euro angestiegen. Aber auch die aufgrund ihrer Schutzschirmverfahren besonders im Mittelpunkt stehenden Textilfilialisten oder auch die Warenhäuser gehören zu einer Branche beziehungsweise einer Betriebsform, die seit Jahren Marktanteilsverluste im stationären Handel hinnehmen musste. Insofern wird uns ein Ladensterben, das es schon länger gibt nur deshalb bewusster, da die Gleichzeitigkeit der Ereignisse die Presse und damit unser aller Wahrnehmung erreicht.  

In Ihrem BBE-Whitepaper «Quo vadis Einzelhandel im Corona-Zeitalter» prognostizieren Sie für die meisten Branchen auch 2021 Umsatzrückgänge, für LEH und Drogeriemärkte jedoch weitere Zuwächse. Sind deren Standorte überall krisenfest?
Die Prognose 2021 bezieht sich auf das Jahr 2019 und bedeutet, dass einige Branchen auch 2021 nicht wieder das Niveau von 2019 erreichen werden. Der LEH und der Drogeriemarkt waren nicht nur durch die Öffnung während des Lockdowns begünstigt, sondern entwickelten sich auch in den Jahren davor überdurchschnittlich gut und werden durch Trends in Ernährung (Kochen), Essgewohnheiten und Gesundheit weiter begünstigt. Natürlich sind die Standorte, die nach wie vor weniger Frequenz als vor Corona haben – zum Beispiel Bürostandorte aufgrund von Home Office oder Shopping-Centerlagen aufgrund geringerer Spontanbesucher – umsatzschwächer, aber in nahezu allen Fällen aufgrund der zu erwartenden Erholungseffekte und der Kapitalstärke der Mieter krisenfest.#

Welche Möglichkeiten haben Betreiber von Drogerie- und Supermärkten, wenn in ihrem Umfeld Kundenfrequenz und Umsätze zurückgehen? Lassen sich bestehende Mietverträge nachbessern?
Mietanpassungen an Frequenzen bei einer vereinbarten Festmiete sind nicht üblich. Coronabedingte Mietverhandlungen betreffen vor allem Beiträge der Vermieter, um die Verluste der Nonfood-Retailer durch die Betriebsschliessungen im Lockdown auszugleichen. Frequenzabhängige Miet­anpassungen betreffen ausschliesslich Umsatzmieten.

Halten die Händler bei der Expansion an bisherigen Mustern fest oder verlagern sich die Standortpräferenzen?
Momentan werden die Filialnetze grundlegender überprüft als je zuvor und bereinigt. Die geringe Zukunftsfähigkeit von Standorten, die sich nur durch ihren Beitrag zu den Overhead-Kosten rechneten, wird jetzt schonungslos offenbart. In der Gastronomie und im LEH befürchten viele Anbieter, dass die möglicherweise dauerhaft hohe Anzahl an Home-Office-Arbeitstagen eine Verschlechterung der Performance an Bürostandorten bringt. Der LEH wird in Shopping-Centern weniger Kompromisse eingehen, da er die Funktionsfähigkeit ohne die Nonfood-Anbieter während des Lockdown gut erkennen konnte. Aber grundsätzlich gibt es keinen Paradigmenwechsel in der Standortwahl, es wird in Nuancen feiner justiert. Dazu gehört auch eine kritischere Betrachtung der bisher ziemlich unverwundbaren Highstreet in Grossstädten, die nun besonders leidet.

Handelsimmobilien galten bei Investoren bislang als sichere Bank, vor allem Super­märkte und Drogeriemärkte als Ankermieter sorgten für sichere Mieten und gute Renditen. Wird Corona diesen Markt verändern?
Nein, im Gegenteil. Aufgrund der momentanen Probleme im Segment Shopping-Center und die aktuellen Umsatzverluste vieler Retailer auf der Highstreet rücken Nahversorger noch stärker in den Investmentfokus.

In den letzten Jahren ist die Zahl der SB-Warenhäuser zurückgegangen. Kann diese Vertriebsform mit ihrer Sortimentsvielfalt und dem bequemen One-Stop-Shopping
einen neuen Aufschwung erleben?

Nein. Die SB-Warenhäuser mit 5000 bis 20 000 Quadratmetern Verkaufsfläche haben ihren Horizont überschritten und werden weiter schrumpfen. Ihre Stärke war die Ergänzung des Food-Sortiments um nahezu alle Warengruppen des Nonfood. Eine grossflächige Auswahl in allen Food-Segmenten ist bei etwa 4000 Quadratmetern inklusive Wein- und Feinkostsegmenten erschöpft. Das Problem ist der Bedeutungsverlust von Nonfood an den meisten Standorten. Ursache dafür ist die Expansion und das Nachverdichten von Spezialfachmärkten in jedem Segment  und von Hartwarendiscountern. Zusätzlich hat die Nachverdichtung im LEH selbst, begleitet von komplementären Nonfood-Mietern, die einst grossen Einzugsgebiete der SB-Warenhäuser stark beschnitten.

Experten streiten aktuell darüber, ob die Verbraucher dauerhaft den Online-Handel pushen oder wieder ins stationäre Geschäft zurückfinden. Wie beurteilen Sie das, auch mit Blick auf den LEH?
Natürlich hat der Lockdown den OnlineEinkauf insgesamt forciert. Aber auch für diesen Aspekt gilt: Corona ist hier eher ein Strukturbeschleuniger. Das gleiche gilt für den LEH. Natürlich haben sich mehr Menschen Lebensmittel im Lockdown liefern lassen, aber die Hauptgründe für die hohe Resilienz des stationären LEH gegenüber dem Online-Handel bleibt erst einmal bestehen. Das sind vor allem die kurzen Wege durch das engmaschige Filialnetz, das Fehlen von Preisvorteilen beim Online-Einkauf sowie Präferenzen beim Einkauf von Frischeprodukten.

Vita

Joachim Stumpf ist seit 1994 Geschäftsführer und Gesellschafter der IPH Handels­immobilien GmbH sowie seit 2007 auch Geschäftsführer der IPH-Muttergesellschaft BBE Handelsberatung GmbH, für die er seit 1987 tätig ist. Die BBE ist seit 65 Jahren eine der führenden Standort- und Unternehmensberatungsgesellschaften im Bereich Handel und Konsumgüter. Zudem fungiert Stumpf seit 2010 als Geschäftsführer der elaboratum New Commerce Consulting GmbH, einem Gemeinschafts-Unternehmen der BBE mit Prof. Klaus Gutknecht.