«Longevity ­beginnt im Einkaufswagen»

Freitag, 30. Oktober 2026
Foto: Massimo Bernini

Für Nina Ruge bedeutet Longevity vor allem eines: möglichst viele gesunde Lebensjahre. Im Interview erklärt die Wissenschaftsjournalistin und Autorin, weshalb Gemüse, Ballaststoffe und bewusste Einkaufsroutinen wichtiger sind als vermeintliche Wundermittel – und wie der Handel den Trend zu präventiver Ernährung glaubwürdig begleiten kann.

Frau Ruge, Longevity ist derzeit in aller Munde. Was bedeutet ein langes und gutes Leben für Sie persönlich?
Nina Ruge: Zunächst ein Leben in Selbstverantwortung – also: Ich baue mir meinen KI-Assistenten, auf dem ich sämtliche Gesundheitsdaten sammle, und ich suche mir obendrein professionelle Begleitung in Form eines der raren Präventionsmediziner und einschlägiger Websites oder Podcasts. Ich möchte damit die Leidenszeit an Alterskrankheiten am Ende des Lebens – die durchschnittlich für jeden Deutschen zwölf Jahre beträgt – gegen null verkürzen!
 
Sie beschäftigen sich intensiv mit den wissenschaftlichen Grundlagen des gesunden Alterns. Was wird in der öffentlichen Diskussion über Longevity besonders häufig missverstanden?
Nina Ruge: «Longevity» wird oft als «längeres Leben» missverstanden. Doch die Chance, 120 oder gar 150 Jahre alt zu werden, wird sich erst für die nächsten Generationen eröffnen. Die seriöse Forschung und Therapie spricht deshalb ausschliesslich von «Healthy Longevity» oder «Healthspan Extension» – es geht also in erster Linie um die Ausdehnung der Zahl der gesunden Jahre im Laufe unseres Lebens. Ich verwende gerne den Begriff «Preventive Healthcare».  
 
Longevity klingt oft nach Hightech-Medizin und Biohacking. Inwiefern beginnt gesundes Älterwerden stattdessen in den kleinen Entscheidungen unseres Alltags? 
Nina Ruge: Beides ist wichtig. Der Sockel jeder gesunden Langlebigkeit sind die Lebensstilfaktoren – also gesunde Ernährung, regelmässiger vielfältiger Sport, ausreichend Tiefschlaf und Stressmanagement. Genauso wichtig ist aber moderne Diagnostik: bildgebende Verfahren, Gentests, algorithmenbasierte Auswertungen von Blutchecks oder Gesundheitstracker. Allerdings sind etliche «Therapien» im Umlauf, vor denen nur zu warnen ist.
 
Welche Rolle spielt der Einkauf in Ihrer persönlichen Routine? Worauf achten Sie bei der Auswahl von Lebensmitteln besonders?
Nina Ruge: Als Erstes die «No-Gos» – und wenn man versteht, was diese Lebensmittel im Körper anrichten, fällt es nicht schwer, auf sie zu verzichten: alles Zuckerhaltige, hochverarbeite Lebensmittel, Fleisch jeglicher Art – vor allem Wurstwaren, Transfette und einige Pflanzenöle wie Kokos- und Sonnenblumenkernöl. Wenn die Ernährung gemüsebasiert ist, ballaststoffreich und genügend Proteine enthält – auch tierische wie Joghurt, Skyr, etwas Käse – sind die Weichen für eine «Preventive Healthcare-Ernährung» bestens gestellt. 
 
Haben Sie eine Einkaufsregel, an der sich Verbraucher orientieren können – beispielsweise beim Blick auf die Zutatenliste, den Verarbeitungsgrad, die Herkunft oder die Qualität eines Produkts? Wie können sie ein gesünderes Einkaufsverhalten in ihren Alltag integrieren?
Nina Ruge: Meine persönliche Einkaufsregel lautet: möglichst viel Gemüse kaufen – gern auch Tiefkühlgemüse, solange es nicht mit zucker- oder fetthaltigen Saucen zubereitet ist. Bio-Gemüse ist inzwischen oft erschwinglich, gerade beim Discounter. Ausserdem lohnt es sich, Süssgetränke durch Wasser oder ungesüssten Tee zu ersetzen. Zudem hilft es, feste Gewohnheiten in den Alltag einzubauen: Wer sich beispielsweise vornimmt, mittags ein Gemüsegericht oder einen Salat mit Vollkornbrot zu essen, kann die passenden Zutaten gleich auf den Einkaufszettel setzen. Bei verpackten Lebensmitteln werfe ich immer einen Blick auf die Zutatenliste: Stehen dort mehr als acht Zutaten, lasse ich das Produkt eher liegen. Und statt Fertigkuchen oder Müsliriegeln als Snack für zwischendurch greife ich lieber zu Nüssen. 
 
Viele Verbraucher sind angesichts von Siegeln, Ernährungstrends und Gesundheitsversprechen verunsichert. Wie gelingt bewusster Konsum, ohne dass er zum komplizierten Optimierungsprojekt wird?
Nina Ruge: Ich bin in den vergangenen 30 Jahren zum Gemüse- und Salat-Scout geworden, mache es mir zum Sport, egal, wo ich bin, nach Gesundem zu fahnden: am Bahnhof oder Flughafen, im Restaurant, in der Kantine. Und genauso auch im Supermarkt. Ich schiebe meinen Wagen mit Scanner-Blick durch die Regale und stelle mir die Fragen: «Was tut mir und meiner Gesundheit gut?» und «Was nicht?» Das ist sehr unterhaltsam!
 
Welche Chancen bieten sich dem Handel, wenn immer mehr Shopper beim Einkauf auch auf Prävention und Wohlbefinden achten?
Nina Ruge: Der Handel hat längst reagiert, die Angebotspalette an Healthy Food wird immer breiter. Was mich besonders freut, da ich keine Zeit zum Kochen habe: Immer mehr Salate und Gemüsegerichte werden täglich frisch und fertig zubereitet angeboten. 
 
Was brauchen Konsumenten aus Ihrer Sicht am dringendsten: bessere Orientierung am Regal, verständlichere Informationen, ein passenderes Sortiment oder konkrete Inspirationen für den Alltag? 
Nina Ruge: Natürlich alles zusammen! Wer seine Ernährung dauerhaft umstellen möchte, dem muss das Neue schmecken. Deshalb halte ich frische, gesunde Fertiggerichte aus dem Supermarkt für sehr hilfreich. Und natürlich alle Plattformen, die einfach und schnell zu realisierende Rezepte bieten, am besten saisonal. Meine drei Bücher zu «Healthy-Longevity-Ernährung» enthalten jede Menge sehr schmackhafte Rezepte. Highlights sind Systeme, die einem helfen, per Foto des Kühlschrankinhalts – der «gesund» sein sollte – ruckzuck kreative, schmackhafte Rezepte zu kreieren.
 
Wie bewerten Sie Produkte, die als «proteinreich», «funktional» oder «healthy» vermarktet werden? 
Nina Ruge: Functional Food enthält oft einiges an Vitaminen und Mineralstoffen, die wir eh schon per Nahrungsergänzung zu uns nehmen. Wollen wir überdosieren? Nein. Die richtige Dosis lässt sich per Functional Food nicht wirklich definieren. «Proteinreiches» muss man leider genau anschauen. Welche Aminosäuren wurden zugesetzt? Die sogenannten BCAAs oder Methionin sollte man nicht wirklich supplementieren. Wer viel Sport treibt und/oder wenig Proteinreiches isst, der ist mit Whey-Proteinpulver gut bedient. Alle anderen brauchen das eher nicht.
 
Welche Warengruppen werden durch den Longevity-Trend aus Ihrer Sicht an Relevanz gewinnen? Und warum?  
Nina Ruge: Tatsächlich alle Sorten von Bio-Gemüse, Bio-Salaten, aber auch Vollkornprodukten und Körnern, guten Pflanzenölen, Fermentiertes (auch Skyr und Kefir), grosse Frischkräuter-Auswahl, Sprossen, Soja-Produkte, Käsevarianten und frisch zubereitete zuckerfreie Dressings.
 
Wie kann der Handel den Longevity-Trend glaubwürdig nutzen, ohne mit fragwürdigen Heilsversprechen oder blossem Trendmarketing Vertrauen zu verspielen?
Nina Ruge: Das ist derzeit noch eine Herausforderung. Seriöse Quellen muss man selbst recherchieren. Ich selbst tituliere mich gerne als Bullshit-Filter, weil ich ausschliesslich sciencebased informiere – in meinen Podcast, auf Instagram, in meinen Büchern und Kolumnen. Wenn man LLM (Large Language Model) sorgfältig promptet, erhält man auch hilfreiche Information. Das sollte Grundlage für Strategien im Handel sein. Durchsichtige Geschäftsmodelle mit «Bullshitcharakter» sollten hier keine Guideline sein. Bald wird es mehr und mehr Lizenzierung für «Longevity»- Produkte geben – das hilft enorm. 
 
Wenn Sie dem Handel nur einen Rat für die kommenden Jahre geben dürften: Was sollte er tun, damit Longevity tatsächlich im Einkaufswagen beginnt?
Nina Ruge: Gesunde Angebote attraktiv verpacken, platzieren und auf Social Media ansprechend informieren! Kampagnen zum Gewichtsmanagement, zu Trinkmenge und Fastenphasen, Darmgesundheit und auch Ballaststoffen starten. Die Welt der gemüsebasierten Ernährung bietet hier grossartige Ansatzpunkte. Wenn der Konsument versteht, weshalb beispielsweise Ballaststoffe enorm unterschätzt werden zur Schlaganfallprävention und wieso pflanzenbasierte Ernährung vor Herzinfarkt, Krebs, Demenz schützen kann… Dann wird der eine und die andere dankbar auf die Empfehlungen des Handels reagieren. 

News

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Trotz wachsender Online-Angebote kaufen die meisten Konsumenten Lebensmittel weiterhin im stationären Laden ein.

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Reis statt Nudeln: Mit diesem Convenience-Konzept namens «Nice Rice to Go» hat das Start-up J-Fun Protein Food UG aus Weinheim den Food-Pitch in der voilà! Start-up-Arena beim 130. Markant Handelsforum gewonnen.

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Ein Problem aus dem Familienalltag wurde zum ausgezeichneten Produkt: Tütenheld, eine Marke von CM-Industries, hat den Nonfood-Pitch beim 130. Markant Handelsforum gewonnen und daneben ein Händlergespräch mit Kaufland und Rossmann.

Vita 

Nina Ruge schloss ihr Studium der Biologie an der Technischen Universität Braunschweig mit Auszeichnung ab. Sie startete 1987 eine fast 30-jährige TV-Karriere als Moderatorin täglicher Nachrichtensendungen, politischer Talkshows und Informationsshows. 
Als Autorin von fünf Bestsellern machte sie sich von 2018 an einen Namen als Wissenschaftsjournalistin für den Fachbereich Healthy Longvity. Heute produziert sie mit ihrem Unternehmen «staYoung» wöchentliche Experten-Podcasts und Newsletter, hält Vorträge, berät Hotels, organisiert Kongresse und Messeveranstaltungen und ist eine der renommiertesten Verfechterinnen der wissenschaftsbasierten Longevity-Bewegung – für die breite Bevölkerung. Für ihr soziales Engagement wurde sie unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz und dem Bayerischen Verdienstorden ausgezeichnet.
 

Info

Nina Ruge berichtet in ihrem aktuellen Buch «Alles wird gut, aber nicht von alleine!». 
über die hochaktuelle Gebirgslandschaft der Präventionsmedizin. Ihre selbst gesetzte Mission ist es, in einer Welt voller verwirrender Gesundheitstrends Orientierung zu bieten und als unbestechlicher «Bullshit-Filter» echte wissenschaftliche Meilensteine von Pseudowissenschaft und leeren Marketingversprechen zu trennen. Nina Ruges Erkenntnis und Antrieb: «Du kannst das Tempo, die Schwere und den Umfang des Leidens am Ende deines Lebens steuern. Und die Qualität deines Lebens bis dahin erst recht.» Daher brennt sie seit zehn Jaren für die Wissenschaft zu «Healthspan Extension», die Verlängerung der Gesundheitsspanne – oder auch: Prävention. Was kannst du, was kann ich, was jeder von uns tun, um lange gesund zu leben, um Siechtum zu vermeiden? Das treibt die Forschung weltweit an und diese ist komplex und schwer verständlich. Hier möchte Nina Ruge Übersetzerin und Motivatorin sein à la «alles wird gut, aber eben auch nicht von alleine».
 
Verlag: Gräfe und Unzer
ISBN: 978-3-7589-0308-3