Vom 4. bis 6. Februar trifft sich die internationale Fruchtbranche zur Fruit Logistica in Berlin. Die Weltleitmesse des Fruchthandels bietet einen Überblick über aktuelle Entwicklungen der gesamten Wertschöpfungskette – von der Erzeugung bis zum Handel – und dient als zentraler Treffpunkt für Fachbesucher aus aller Welt.
Das Jahr 2026 wird für die Obst- und Gemüsebranche kein leichtes Jahr. «Die Kosten bleiben weiterhin hoch, die Regulierung nimmt zu, Fachkräfte fehlen und der Klimawandel macht die Produktion unberechenbarer», informiert Alexander Stein, Director der Fruit Logistica. «Aber genau aus diesem Druck entstehen auch Chancen. Wer jetzt digitaler wird, Prozesse automatisiert, Energie spart und transparenter arbeitet, kann sogar gestärkt aus der Situation hervorgehen.» Der Trend zu gesunder, pflanzenbetonter Ernährung spiele der Branche dabei in die Karten. Am Ende wird es laut dem Messe-Chef entscheidend sein, wie gut es den Unternehmen gelingt, aus diesen Herausforderungen echte Innovation zu machen. Von daher lautet das diesjährige Motto der Fruit Logistica nicht von ungefähr «Let’s grow!». Es stehe jedoch nicht im klassischen Sinn für Wachstum. Es beschreibe vielmehr den gemeinsamen Wunsch der Branche über sich hinauszuwachsen: wirtschaftlich, technologisch, vor allem aber menschlich. «Wir wollen zeigen, wie viel Stärke entsteht, wenn wir uns zusammentun, mutig neue Wege gehen, Innovationen begrüssen und Nachhaltigkeit wirklich leben», sagt Alexander Stein.
Bestimmende Treiber
Nachhaltigkeit bleibe aus Sicht des Messeverantwortlichen der alles bestimmende Treiber – von der klimafreundlichen Produktion über die Verpackungen bis hin zur Logistik. Dazu bemerkt Dr. Christian Weseloh, Geschäftsführer der Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse e. V. (BVEO): «Verbraucherwünsche und die Nachfrage durch den Handel bestimmen letztlich, welche Mengen Obst und Gemüse mit Bio-Zertifizierung produziert werden.» Nur eine Orientierung am Markt schaffe daher Wirtschaftlichkeit für die Betriebe. Wachse die Nachfrage nach Bio-Produkten, werde auch entsprechend produziert. «Die Zahlen zeigen, dass mit Beginn der Inflation in Folge des Ukraine-Krieges viele Verbraucher preisorientierter eingekauft haben. Bio-Produkte rückten etwas in den Hintergrund. Seit Januar 2025 greifen laut Statistik jedoch wieder mehr Verbraucher zu Bio-Gemüse und Bio-Obst», berichtet Dr. Weseloh.
Ferner entwickelt sich laut den Branchenexperten Vertical Farming von einer Nische zu einer ernstzunehmenden Ergänzung klassischer Anbausysteme, vor allem in der Nähe von Ballungsräumen. Und nicht zuletzt verändere der Einsatz von KI und Automatisierung die Branche tiefgreifend.
KI als Gamechanger
«Für mich steht fest: KI wird 2026 der entscheidende Gamechanger. Sie ist skalierbar, verbessert bestehende Systeme enorm und nutzt erstmals die Datenmenge, um komplette Lieferketten intelligent zu steuern», sagt Alexander Stein. KI optimiert heute schon Produktion, Qualitätskontrolle, Logistik und Absatzprognosen. Intelligente Gewächshäuser, präzise Bewässerung und autonome Roboter reduzieren Ressourcenverbrauch und Arbeitsaufwand, bei stabileren Erträgen. Branchenführer berichten zudem von einem schnellen Aufstieg von KI-gestützter Qualitätsbewertung und prädiktiver Erntemodellierung und sehen grosses Potenzial für autonome Ernten, zerstörungsfreie Qualitätsanalysen und ein noch smarteres Kühlkettenmanagement.
KI hat laut BVEO bereits im Sonderkulturbereich Einzug gehalten. Von der Anbauplanung über die Ernte bis hin zur Vermarktung könne KI für Entlastung sorgen. «In der Vermarktung wird der Einsatz von KI für die Bereiche Sortierung, Lagerung und Logistik immer bedeutender. Angesichts steigender Produktionskosten und des Fachkräftemangels gewinnen Automatisierung und Robotik zunehmend an Bedeutung», so Dr. Christian Weseloh. In einigen Kulturen machen nach Einschätzung des Verbandes die Lohnkosten immerhin bis zu 60 Prozent der Produktionskosten aus, da viele Sonderkulturen von Hand geerntet werden. Eine maschinelle Ernte sei in vielen fragilen Obst-, Gemüse- und Pilzkulturen aktuell noch undenkbar. «Die Ernte wird jedoch bereits durch Bilderkennung dabei unterstützt, reife Kulturen zu erkennen und selektiv zu ernten, was die Ernte beschleunigt.»
Risiken und Chancen
Wetterextreme bleiben jedoch nach wie vor die grösste Herausforderung für den Anbau von Obst und Gemüse. Mit Massnahmen wie Hagelnetzen, Frostschutzberegnung, Tröpfchenbewässerung oder Folientunneln versuchen Landwirte ihre Kulturen vor Extremwetterereignissen wie Spätfrost, Dürren oder zu nassen Vegetationsphasen zu schützen. Auch das Auftreten neuer Schädlinge stelle ein grosses Risiko für die Erzeuger dar. «Der Züchtung neuer Sorten, die an die veränderten Bedingungen angepasst sind, kommt hier besondere Bedeutung zu», so Dr. Christian Weseloh. Weiter bemerkt er: «Ob der Klimawandel langfristig Chancen für den Obst- und Gemüseanbau in Deutschland bietet, bleibt abzuwarten.»
Wachstumsfelder für die Branche
Angesichts der Herausforderungen gilt es daher für die Branche nach Wachstumsfeldern zu suchen. Chancen bieten die Megatrends Gesundheit, Regionalität und Convenience. Zur Erfüllung dieser Kriterien bietet heimisches Obst und Gemüse ein erhebliches Potenzial, darin sind sich die Experten einig. Der Trend zu vegetarischen beziehungsweise veganen Lebensmitteln habe aktuell jedoch nur geringen Einfluss auf die Einkaufsmengen der Verbraucher. «Convenience-Produkte im Obst- und Gemüsebereich sind in anderen Ländern am POS deutlich sichtbarer als in Deutschland. «Out of Home»-Verzehr und Snacking könnten jedoch mögliche Wachstumsfelder sein», informiert Dr. Weseloh. Weiter beobachtet der Experte, dass kurzfristige Trends in den Sozialen Medien einen Nachfrageschub auslösen können. «Als BVEO setzten wir daher mit unserer Kampagne «Deutschland – Mein Garten» vermehrt auf die Social-Media-Plattformen TikTok und Instagram, um auch die junge Generation nachhaltig für heimisches Obst, Gemüse und Pilze zu begeistern», resümiert der BVEO-Geschäftsführer.
Dreiklang Frische, Haltbarkeit & Nachhaltigkeit

Das Markant Magazin ONE hat mit José Ferrando,
Commercial Director bei Iberiana über die aktuellen Entwicklungen im Obst- und Gemüsemarkt gesprochen.
Foto: Iberiana/ Toní Marin
Was sind die Trends und Treiber im Bereich Obst und Gemüse?
José Ferrando: Einerseits verlangen die Verbraucher natürlichere Produkte mit einem klaren Nährwertprofil sowie Produktlinien mit Antioxidantien und differenzierten Produkten. Andererseits beeinflussen auch die Rückverfolgbarkeit und die Nachhaltigkeit der Verpackungen die Kaufentscheidung: nachhaltigere Verpackungen, geringerer Wasserfussabdruck sind zu Faktoren geworden, die berücksichtigt werden müssen. Und schliesslich führt die aktuelle Inflation dazu, dass der Preis ein Wert ist, der stark berücksichtigt wird, da alles teurer geworden ist und man ein gutes Produkt sucht, aber zu einem niedrigen Preis.
Welche Obst- und Gemüsesorten bieten die grössten Chancen?
José Ferrando: Die Kategorien mit dem grössten Potenzial sind diejenigen, die Geschmack, Convenience und hohen Nährwert kombinieren. Beeren, Avocado, Mango und kernlose Trauben zeigen weiterhin ein stabiles Wachstum. Im Gemüsesortiment verzeichnen besondere Tomaten wie Cherry-Typen und Mischungen aus Baby-Leaf-Blättern eine konstante Nachfrage.
Wo bestehen trotz schwieriger Märkte Wachstumspotenziale?
José Ferrando: Wir sehen deutliches Wachstum im Bereich Convenience beziehungsweise Ready-to-eat. Immer mehr Haushalte – insbesondere berufstätige Personen, Singles und junge Familien – verfügen über wenig Zeit zum Kochen und möchten dennoch frisch, gesund und schnell essen. Gleichzeitig steigt der Anteil kleiner Haushalte kontinuierlich, wodurch die Nachfrage nach kleineren, verbrauchsgerechten Portionen weiter zunimmt.
Mit welchen Innovationen im Obst- und Gemüsesektor ist 2026 zu rechnen?
José Ferrando: Für 2026 wird ein starker Impuls der Technologie erwartet, die auf Frische, Haltbarkeit und Nachhaltigkeit abzielt. Zu den bedeutendsten Innovationen gehören neue Verpackungsmaterialien wie Textilnetze, Flowpack mit weniger Mikron, Zellulose anstelle von Kunststoff. Zu erwarten sind auch neue verbesserte Mandarinensorten wie Havva sowie pigmentierte Sorten wie Red Lina. Ferner werden digitale Lösungen eine wichtige Rolle einnehmen wie beispielsweise der Einsatz von Drohnen zur Produktionskontrolle oder nicht-destruktive Geräte zur Bestimmung des Reifegrades von Avocados.