Rund 75 Prozent der IT-Emissionen entstehen lange vor dem ersten Einschalten – in Rohstoffabbau, Herstellung und Lieferkette. Daniel Büchle, Geschäftsführer von afb social & green IT, erklärt, warum längere Nutzungszeiträume, planvolles Remarketing und smarte Cloud-Strategien zu den wirksamsten CO2-Hebeln zählen – und worauf der Handel bei Datenlöschung, Beschaffung und Filiallogistik achten sollte.
Herr Büchle, welche Rolle spielt die IT im Handel, wenn es gilt, Nachhaltigkeitsziele wirtschaftlich und sicher umzusetzen?
Daniel Büchle: Die IT hat aus meiner Sicht mehrere Rollen. Einerseits ist sie selbst Emittent, weil sie relevante CO2-Emissionen verursacht – durch Endgeräte wie PCs und Notebooks, durch Rechenzentren, Cloud-Dienste sowie durch Netzwerkinfrastruktur. Gerade im Handel ist die IT aber auch Enabler für viele Bereiche: für Lieferketten, Logistik, Filialsteuerung, das Monitoring von Energieverbräuchen sowie das Sortiments- und Bestandsmanagement. Im E-Commerce spielt sie zudem eine zentrale Rolle bei der Steuerung von Retourenquoten.
Wie gut haben Unternehmen die IT bislang in ihre Nachhaltigkeitsstrategien integriert?
Daniel Büchle: Vieles wird hier noch unterschätzt, gerade als Emissionsquelle. Viele Unternehmen fokussieren sich zu stark auf die Bereiche Energie, Transport und Gebäude und unterschätzen die Scope-3-Emissionen der Hardware. IT ist eben nicht nur Stromverbrauch – dahinter steckt viel mehr, vom Rohstoffabbau bis zur fertigen Hardware. Auch als strategischer Hebel wird die Rolle der IT oft unterschätzt: Sie ist selten in die Dekarbonisierungsstrategie eingebunden, und CIOs haben kaum CO2-Verantwortung. Häufig liegt das Thema Nachhaltigkeit bei der CSR-Abteilung oder beim Einkauf, nicht bei der IT. Dadurch bleibt viel Potenzial ungenutzt – etwa bei der Optimierung von Lieferketten oder der Vermeidung von Überproduktion.
Wo liegen aus Ihrer Sicht die grössten Hebel zur CO2-Reduktion im IT-Management?
Daniel Büchle: Rund 75 Prozent der Emissionen entstehen im Scope-3-Bereich, also bei Herstellung und Lieferkette. Ein wichtiger Hebel ist der Nutzungszeitraum der Hardware. Manche Firmen tauschen radikal nach zweieinhalb bis drei Jahren, andere nutzen die Geräte fünf oder sieben Jahre. Bei einmalig entstehenden Emissionen macht es einen grossen Unterschied, ob ich Hardware drei oder fünf Jahre nutze. Sieben bis zehn Jahre würde ich grossen Unternehmen aus Performance-Gründen nicht raten – aber zwischen drei und fünf Jahren liegt ein klarer Hebel. Der zweite grosse Hebel ist Remarketing. Egal, ob ich Hardware drei, vier oder sechs Jahre nutze: Solange sie danach nicht verschrottet, sondern an einen Refurbisher übergeben wird, der die Geräte weiterleben lässt, verbessert das die Ökobilanz erheblich. Unternehmen können sich das in bestimmten Scope-Kategorien positiv anrechnen lassen.
Wie gross ist der CO2-Unterschied zwischen Neuanschaffung und Refurbishment, und wie lässt sich das messbar machen?
Daniel Büchle: Idealerweise kennt man die Emissionen der neuen Geräte über eine Product-Carbon-Footprint-Analyse des Herstellers. Solche Analysen sind aber selten – und werden noch seltener herausgegeben. Vom Refurbisher braucht es zudem die negativen Emissionen, etwa aus dem Transport, vor allem aber den positiven Beitrag durch die Lebenszeitverlängerung. Wir lassen seit zehn bis fünfzehn Jahren repräsentative PCs, Notebooks und Monitore analysieren – nicht nur in Bezug auf CO2, sondern auch auf Wasser, Energie und Rohstoffe. Ein Beispiel: Die Herstellung eines Notebooks verbraucht laut unseren Studien gut 170 Kilogramm CO2-Äquivalent. Der negative Beitrag aus dem Refurbishment liegt unter zwei Kilogramm pro Gerät. Inklusive erstem und zweitem Lebenszyklus ergeben sich Einsparungen von rund 114 Kilogramm CO2 pro Weitervermarktung. Solche Daten geben wir Unternehmen und Behörden zurück. Damit lässt sich der Effekt von Refurbishment gut messen und teilweise bilanzieren.
Welche Massnahmen kann der Handel kurzfristig umsetzen, um die IT-Emissionen zu senken?
Daniel Büchle: Erstens den Nutzungszeitraum verlängern: Wer Hardware nur drei Jahre nutzt, sollte vier oder fünf Jahre in Betracht ziehen. Auch danach lassen sich Geräte sehr gut vermarkten. Zweitens Geräte konsequent zu einem Refurbisher geben, statt sie zu recyceln. Es macht dabei einen grossen Unterschied, ob die Wertschöpfung in Europa oder regional erfolgt – oder ob die Geräte einfach nach Asien verschifft werden. Drittens Cloud statt On-Premise – sofern man den richtigen Anbieter wählt: mit erneuerbaren Energien, Workload-Optimierung, optimierter Kühlung und Nutzung der Abwärme. Ein weiterer Klassiker ist der Energieverbrauch im Betrieb. Eine gute IT schafft Transparenz, erstellt Energieprofile und ermöglicht mithilfe von KI und Analytics eine Workload-Steuerung. So lassen sich auch ungenutzte Systeme identifizieren und abschalten.
Wie verändert Refurbishing die Total Cost of Ownership im Vergleich zu Neugeräten?
Daniel Büchle: Teilweise wirklich signifikant. Wer Hardware nach drei bis vier Jahren verkauft, kann bis zu einem Viertel oder Drittel des Ankaufspreises zurückerhalten. Beim Einkauf von Refurbished-Hardware ist der Vorteil noch deutlicher: Für 200 bis 300 Euro bekommt man ein businesstaugliches Notebook, das vielleicht drei bis vier Jahre alt ist. Ein Neugerät kostet aktuell zwischen 700 und 1000 Euro. Fairerweise muss man sagen: Während ein neues Notebook fünf Jahre genutzt wird, hält ein dreijähriges Gerät vielleicht nur noch zwei bis drei Jahre. Refurbished-Hardware empfehle ich daher eher kleineren Betrieben sowie Unternehmen, die ihre Hardware lange einsetzen. Grösseren Unternehmen mit einheitlicher IT-Infrastruktur rate ich, Neuware zu kaufen – aber nach der Erstnutzung eine möglichst lange Zweitnutzung sicherzustellen. Hardware sollte idealerweise wandern: fünf Jahre bei Unternehmen, fünf Jahre bei Privatpersonen, anschliessend mit Linux ausgestattet vielleicht an eine NGO. Genau das ist die Aufgabe guter Refurbisher: für einen gesamten Lebenszyklus zu sorgen.
Wie können Einkaufsorganisationen Nachhaltigkeit systematisch in IT-Beschaffungsprozesse integrieren?
Daniel Büchle: Der Schlüssel liegt in klaren, messbaren Kriterien. Dazu zählen Energieeffizienz – nachweisbar etwa über Labels wie Energy Star oder TCO –, eine möglichst lange Lebensdauer, gute Reparierbarkeit sowie ein modularer Aufbau. Insbesondere die Reparierbarkeit rückt durch das Recht auf Reparatur stärker in den Fokus: Ist der Arbeitsspeicher fest mit dem Mainboard verlötet, ist ein defektes Gerät praktisch nicht mehr zu retten. Auch die ESG-Transparenz der Lieferanten kann als Auswahlkriterium dienen. In Ausschreibungen lassen sich diese Anforderungen entweder als Mindeststandard festlegen oder mit 20 bis 30 Prozent für nicht-monetäre Nachhaltigkeitsaspekte gewichten. Hinzu kommen bewährte Instrumente wie Lieferanten-Selbstauskünfte, Audits, EcoVadis-Ratings und ein verbindlicher Code of Conduct. Wichtig ist ausserdem, die Total Cost of Ownership um Nachhaltigkeitsfaktoren zu erweitern – etwa Energieverbrauch über die gesamte Nutzungsdauer, Wartungs- und Reparaturkosten, Wiederverkaufswert sowie Rücknahme- und Entsorgungskosten.
Woran erkennen Unternehmen, ob ein IT-Angebot wirklich nachhaltig ist?
Daniel Büchle: Hilfreich werden hier die Empowering-Consumers- und Green-Claims-Richtlinien der EU. Seriöse Anbieter liefern konkrete Daten: zum CO2-Fussabdruck über den gesamten Lebenszyklus, zum Energieverbrauch pro Gerät und zum Anteil erneuerbarer Energien. Wenn nur von «umweltfreundlich» oder «green» gesprochen wird, ohne Zahlen und Methodik, ist Vorsicht geboten. Wichtig ist auch ein ganzheitliches Lebenszyklusdenken: Erstellt der Lieferant Lifecycle Assessments? Welche Informationen liegen zu Rohstoffgewinnung, seltenen Erden, Recyclinganteil, Wasserverbrauch und Energieeffizienz vor? Vertrauen schaffen Zertifizierungen wie TCO, der Blaue Engel, EPEAT oder die ISO 14001. Auch Reparierbarkeit, Refurbishment statt Recycling, Rücknahmeprogramme und Modularität sind klare Indikatoren.
Wie profitieren Handelsunternehmen von sicheren Refurbishing- und Datenlöschprozessen?
Daniel Büchle: Datensicherheit ist für Handelsunternehmen ein zentraler Faktor – sowohl aus Compliance- als auch aus Vertrauensgründen. Deshalb beginnt unser Sicherheitskonzept bereits beim Abbau der Geräte vor Ort. Die Hardware wird in speziellen Boxen gesammelt, in abschliessbaren Transportwagen gesichert und ausschliesslich mit eigenem, geschultem Personal transportiert. So bleiben Geräte während der gesamten Logistikkette geschützt und nachvollziehbar dokumentiert. Im weiteren Prozess erfassen wir jedes Gerät seriennummerngenau und dokumentieren alle Schritte per Video-Security-Verfahren. Dadurch erhalten Handelsunternehmen maximale Transparenz und Auditfähigkeit. Die Datenlöschung erfolgt mit der zertifizierten Software Blancco inklusive automatischer Verifikation und Löschprotokollen. Ist eine softwarebasierte Löschung nicht möglich, werden Datenträger direkt in unseren Niederlassungen physisch vernichtet. Die dabei entstehenden Partikel sind extrem klein, sodass eine Wiederherstellung ausgeschlossen ist. Für den Handel bedeutet das konkret: rechtssichere und nachvollziehbare Datenvernichtung, minimiertes Risiko von Datenlecks, sichere Wiedervermarktung gebrauchter Geräte, auditfähige Nachweise für Kunden, Partner und Behörden, nachhaltige IT-Kreislaufprozesse ohne Sicherheitskompromisse, Dass dieses Konzept funktioniert, zeigt die Zusammenarbeit mit mehr als 2000 Partnern – darunter Handelsunternehmen, DAX-Konzerne sowie Bundes- und Landesbehörden.
Was müssen Unternehmen in erster Linie beachten, wenn sie grössere IT-Bestände in den Kreislauf zurückführen wollen?
Daniel Büchle: Die Auswahl des Refurbishers ist entscheidend: Kann ich ihn auditieren? Welche Zertifizierungen liegen vor? Welche Länder deckt er ab? Hat er einen eigenen Fuhrpark? Liefert er die Nachhaltigkeits-KPIs und Wirkungsurkunden, die ich fürs Reporting brauche? Wie flexibel ist er – holt er auch kleinere Mengen aus Filialen ab? Welche Zusatzleistungen bietet er, etwa Mitarbeiterrabatte auf refurbished Hardware? Wichtig sind zudem Zertifizierungen, branchenrelevante Referenzen und der Ort der Wertschöpfung. Manche Refurbisher holen lokal ab, verlagern aber den Grossteil der Arbeit nach Dubai oder Asien – darauf sollte man achten.
Wie lässt sich Circular-IT in dezentralen Organisationen mit vielen Filialen effizient umsetzen?
Daniel Büchle: Hier ist die IT-Logistik entscheidend. Gibt es lokale Hubs für Neuware? Wo wird Althardware gesammelt? Auch der Refurbisher spielt eine Rolle: Holt er nur ganze Lkw-Ladungen ab oder auch zehn Notebooks aus einer kleinen Filiale? Wir haben dafür einen Paketprozess entwickelt: Filialen können ein Versandlabel herunterladen, das Gerät einpacken und einschicken – das spart erheblich Logistik- und IT-Kosten. Wichtig ist, frühzeitig mit Distributor und Refurbisher gemeinsam zu klären, wie der Prozess optimal funktioniert. Denn das grösste Problem im Filialbetrieb ist meist der fehlende Lagerplatz.
Welche organisatorischen Voraussetzungen braucht es, um nachhaltiges IT-Management erfolgreich zu verankern?
Daniel Büchle: Vor allem eine klare strategische Verankerung mit Unterstützung der obersten Führungsebene, klaren Verantwortlichkeiten und einer klaren Governance. Messbarkeit und KPIs sind entscheidend – was man nicht messen kann, hat keine Wirkung. Hinzu kommen nachhaltige Beschaffungsprozesse und Lebenszyklusanalysen. Ein zentraler Punkt ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit. IT wird oft als reines IT-Thema verstanden, Nachhaltigkeit als Aufgabe der Nachhaltigkeitsabteilung. Aber beides betrifft das gesamte Unternehmen. Es darf keinen Ressort-Egoismus geben: Die Nachhaltigkeitsabteilung braucht eine gute IT – und umgekehrt.
Wird nachhaltige IT in Zukunft eher Wettbewerbsvorteil oder regulatorische Pflicht sein?
Daniel Büchle: Aktuell wird sie meist als Pflicht verstanden – getrieben durch CSRD, CS3D und Taxonomie. Davon ist auch die IT betroffen, weil sie Daten zu Lieferketten und Energieverbrauch beisteuern muss. Langfristig glaube ich aber, dass nachhaltige IT zum Wettbewerbsvorteil wird. Unternehmen, die ESG-Faktoren frühzeitig integrieren, steigern ihre Resilienz, Innovationskraft und Marktposition. Investoren, Banken und Versicherungen fordern weiterhin Nachhaltigkeitsdaten – das hat bereits monetäre Auswirkungen. Richtig umgesetzt entwickelt sich Nachhaltigkeit vom Kostenfaktor zum Finanzierungs- und Innovationshebel. Wer energieeffiziente Systeme einsetzt, hat geringere Kosten. Nachhaltigkeit ist oft schlichtweg ein Business Case.
Was ist der wichtigste Mindset-Shift, den Unternehmen vollziehen sollten?
Daniel Büchle: Weg von IT als reinem Kosten- und Effizienzfaktor – hin zu IT als strategischem Hebel für Nachhaltigkeit und Geschäftsmodell. Der Wandel beginnt, wenn IT aktiv dazu beiträgt, das gesamte Unternehmen nachhaltiger zu machen: Welche digitalen Lösungen vermeiden Ressourcenverbrauch entlang der Wertschöpfungskette? Lange war IT von «schneller, grösser, leistungsfähiger» geprägt. Bei nachhaltiger IT lautet die Frage: Brauchen wir diese Rechenleistung wirklich? Software-Effizienz, Datenmengen, KI-Modelle, Infrastruktur – überall braucht es ein Umdenken. Hinzu kommt der Wandel von linear zu zirkulär: Hardware über den gesamten Lifecycle denken, Refurbishment und Second Life mitdenken, modulare Geräte und nachhaltige Beschaffung. Es geht nicht darum, IT ein bisschen grüner zu machen, sondern sie zum Treiber einer nachhaltigen Transformation im gesamten Unternehmen zu machen.