Nachfolger gesucht!

Mittwoch, 25. August 2021
Foto: stock.adobe.com/jirsak

Unternehmensnachfolge betrifft jeden Händler – sei es im Rahmen einer geplanten Übergabe des eigenen Unternehmens, eines externen Unternehmens oder einer unerwarteten Nachfolge. Händler sollten sich frühzeitig mit den Herausforderungen und den Phasen einer Übergabe auseinandersetzen, um den eigenen Betrieb zukunftssicher aufzustellen.

Zwischen 10 000 und 15 000 Handelsunternehmen streben nach Zahlen des Handelsverbands Deutschland (HDE) eine Nachfolge an. Tendenziell ist aber davon auszugehen, dass immer mehr Einzelhandelsunternehmen auf der Suche nach einem geeigneten Nachfolger sein werden. Davon ist Dr. Johann Faltermeier, Senior Consultant bei der ibi research an der Universität Regensburg GmbH, fest überzeugt. Seine Forschungs- und Beratungsschwerpunkte liegen in den Bereichen E-Commerce, Digitaler Handel und Entrepreneurship sowie Intrapreneurship. Ferner ist er als Experte für das Mittelstand 4.0-Kompetenzzentrum Handel tätig.

Veränderung der Handelslandschaft
Fakt ist, die Handelslandschaft verändert sich zunehmend. Discounter, filialisierte Fachmärkte, aber auch der Online-Handel werden daher den traditionellen Handelsunternehmen zunehmend Marktanteile abnehmen, so eine Prognose von Dr. Johann Faltermeier. «Irgendwann wird das traditionelle Handelsunternehmen komplett wegbrechen, da auch aus Konsumentensicht der traditionelle Käufer, der ausschliesslich im stationären Ladengeschäft einkauft, bald nicht mehr anzutreffen ist», berichtet der Experte. Bekanntermassen steigt bei den Konsumenten die Erwartungshaltung  Einzelhandelsunternehmen auch online – als Multikanal-Händler – antreffen zu können. Die Corona-Pandemie wirkte dabei als Brandbeschleuniger. Betrachtet man diese Tendenzen, werden laut Faltermeier vermutlich in fünf Jahren noch mehr Einzelhändler eine Nachfolge suchen. «Allerdings werden nur diejenigen Unternehmen bei der Suche erfolgreich sein, die auch den E-Commerce als Bestandteil ihres Geschäftsmodells verstehen und Online-Vertriebswege erschliessen», sagt Faltermeier.

Austausch von Erwartungen
Grundsätzlich kann zwischen einer Führungs-, Eigentums- und Familiennachfolge unterschieden werden. In kleinen und mittleren, familiengeführten Unternehmen wird klassischerweise die Nachfolge durch einen Familienangehörigen angestrebt. Neben der familieninternen Nachfolge gibt es auch die familienfremde Eigentumsnachfolge, bei der ein neuer Eigentümer von aussen das Unternehmen weiterführt.
Ein Patentrezept für den erfolgreichen Generationswechsel gibt es allerdings nicht. Zu individuell und speziell sind die vielfältigen Merkmale, die eine Unternehmerfamilie und ihr Geschäft ausmachen. Grundsätzlich sollten sich alle Beteiligten einig sein über die eigene Rolle vor, während und nach der Übergabe, so eine Empfehlung des BVMW-Bundesverband mittelständische Wirtschaft, Unternehmerverband Deutschlands e. V. Besonders wichtig ist die Klärung, was die Bedürfnisse des scheidenden Unternehmers sind und welche Vorstellungen ein potenziell geeigneter Nachfolger hat.

Bereitschaft zur Übernahme
Damit ein Unternehmen an Attraktivität für eine Übergabe gewinnt, sollte es moderne und aktuelle Zukunftsvisionen haben. Auch sollten Investitionen nicht aus Angst vor einer Verschlechterung des Unternehmenswertes zurückgefahren werden, so eine Empfehlung von Faltermeier. Weiter rät er: «Bei der familieninternen Nachfolge sollten Attribute wie die Befähigung, das Engagement, aber auch die Freiwilligkeit der Übernahme berücksichtigt werden.» Bei einer externen Nachfolge ist die Bereitschaft zur Übernahme eines der wichtigsten Kriterien. Der Austausch mit potenziellen Nachfolgern sollte bei allen Arten der Nachfolge immer in den Köpfen der Unternehmer präsent sein und aktiv vorangetrieben werden.

Frühzeitige Nachfolgeplanung    
Der klassische Einzelhandel ist laut Faltermeier ein eher wachstumsschwacher Wirtschaftsbereich mit einer hohen Wettbewerbsintensität. «Das sich schnell verändernde Einkaufsverhalten der Konsumenten trägt zudem zur Verunsicherung potenzieller Nachfolger bei», erklärt dazu der Fachmann. Da eine Nachfolge aber meist nicht nur das eigene Lebenswerk sichern soll, sondern vielmehr auch für die Zukunft der Belegschaft existenziell ist, sollte die Nachfolgeplanung deshalb frühzeitig angegangen werden. Je früher das Unternehmen auf die Nachfolge vorbereitet wird, umso besser. Fünf Jahre sollten laut BVMW mindestens eingeplant werden, damit sich das Unternehmen, der oder die Nachfolgende und der scheidende Chef auf die neue Situation vorbereiten können.

Zur erfolgreichen Unternehmensnachfolge können bewährte Prozessmodelle eingesetzt werden wie etwa ein praxisorientiertes Modell der IHK München und Oberbayern, das Händlern eine Hilfestellung liefern kann. Hierbei wird die Nachfolge in Phasen strukturiert vorbereitet, von der Notfallvorsorge (Phase 0) über Vorbereitungen zur Übergabe (Phase 1) und dem Suchen, Finden und Prüfen (Phase 2) bis zur eigentlichen Übergabe (Phase 3) und der Regelung der zukünftigen Tätigkeit des Übergebers (Phase 4).

Wert des Unternehmens
Ist ein Nachfolger gefunden, findet in der Regel eine gegenseitige Analyse (Due Diligence) von Übergeber und Nachfolger statt. Die Festlegung des Unternehmenswertes ist einer der zentralen Bestandteile einer Übergabe. Auch ein anschliessender Check der Rahmenbedingungen und Erfolgskriterien ist unverzichtbar. «Grundsätzlich gilt für den Einzelhandel im Vergleich zu anderen Branchen, dass der Warenwert massgeblich in die Unternehmensbewertung eingeht. Der Bestand an Waren bindet als Basisausstattung dauerhaft Kapital, das es in der Finanzierungsplanung zu berücksichtigen gilt», erklärt Faltermeier. Die Verkäuflichkeit dieser Waren führt meist zu gewissen Teilwertabschlägen vom jeweiligen Einkaufspreis, die zusammen mit dem Übergeber verhandelt werden sollten.
Neben dem Warenwert spielt laut Faltermeier auch der Wert für die Geschäftseinrichtung eine wichtige Rolle bei der Ermittlung des Unternehmenswertes. Zuletzt gilt es auch den immateriellen Firmenwert zu berücksichtigen. Wie in anderen Branchen wird auch zunehmend im Einzelhandel beobachtet, dass neben dem Substanzwertverfahren auch das Ertragswertverfahren immer häufiger zum Einsatz kommt. Bei letzterem entspricht der Unternehmenswert (Kaufpreis für das Handelsunternehmen) in etwa dem fünf- bis achtfachen des bereinigten Gewinns. Um den richtigen Unternehmenswert für beide Beteiligten zu finden, bietet der Bayerische Industrie- und Handelskammertag e. V. einschlägige Merkblätter zur Unternehmensführung – insbesondere zur Unternehmensbewertung sowie eine Checkliste für Übergeber – an (siehe dazu Links in der Randspalte).

Zeitrahmen der Unternehmensnachfolge
Eine erfolgreiche Nachfolge ist ein dynamischer Prozess, der bereits bei der Gründung des Unternehmens beginnen kann und in der Firmierung und Aufbauorganisation Berücksichtigung finden sollte. «Eine erfolgreiche Nachfolgeplanung hat meiner Meinung nach keinen festen Zeitrahmen, sie sollte immer auch in den Köpfen der Eigentümer präsent sein und in die strategische Planung des Unternehmens eingehen», so Faltermeier. Die eigentliche Übergabe kann dann durchaus ein Jahr und länger dauern.

 

Experte

Johann Faltermeier ist Senior Consultant bei der ibi research an der Universität Regensburg GmbH. Das Institut forscht rund um die Digitalisierung der Finanzdienstleistungen und des Handels. Es berät Kunden aus der Privatwirtschaft und dem öffentlichen Sektor. Die Forschungs- und Beratungsschwerpunkte von Dr. Johann Faltermeier liegen in den Bereichen E-Commerce und Digitaler Handel, Entre- und Intrapreneurship (v. a. Geschäftsmodellinnovation, Unternehmerpersönlichkeit und Kreativität) sowie Strategisches Management. Zu den Schwerpunkten forscht und veröffentlicht er Monographien und Fachartikel und lehrt an der Ostbayerischen Technischen Hochschule (OTH) Regensburg.
 

Übergabeprozess

Für eine erfolgreiche Übergabe des Unternehmens braucht es eine gute Vorbereitung und auch Planung. Detaillierte Informationen zum Übergabeprozess stellen die Industrie- und Handelskammern zur Verfügung. Speziell für den Handel können zudem Informationen unter nachfolgendem Link abgerufen werden:  

Unternehmerbörsen

Die Wahrscheinlichkeit einer familieninternen Nachfolge ist laut Beobachtungen und Erkenntnissen von Dr. Johann Faltermeier seit den 1950er Jahren von rund 90 Prozent auf nunmehr circa 25 Prozent gefallen, Schätzungen gehen laut dem Experten sogar von einem weiteren Abfall auf 20 Prozent bis zum Jahr 2030 aus. Sollte auch eine Nachfolge aus dem Mitarbeiterkreis (MBO) nicht in Frage kommen, kann ein Nachfolger von ausserhalb (MBI bzw. Verkauf) gefunden werden, so eine Empfehlung des Experten. Eine Unterstützung können hierbei Unternehmerbörsen bieten, hier ein Auszug mit entsprechendem QR-Code:

Unternehmensbewertung

Die Festlegung des Unternehmenswertes ist einer der zentralen Bestandteile einer Übergabe. Auch ein anschliessender Check der Rahmenbedingungen und Erfolgskriterien ist nach Empfehlung von Faltermeier unverzichtbar.
Um den richtigen Unternehmenswert für beide Beteiligten zu finden, bietet der Bayerische Industrie- und Handelskammertag e. V. Merkblätter zur Unternehmensführung – insbesondere zur Unternehmensbewertung sowie eine Checkliste für Übergeber – an.