Kennziffern der Wertschöpfung

Montag, 22. November 2021
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Der Online-Handel schafft in vielerlei Dimensionen Wertschöpfung. Er ist Innovationstreiber und auch in ökologischer Hinsicht besser als sein Ruf. Diese und weitere Fakten zeigt eine neue Studie.

Welche volkwirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung hat der Online-Handel in Deutschland? Diese Frage wird nicht selten – vor allem mit Blick auf den Wandel traditioneller Handelsstrukturen – emotional und kontrovers diskutiert. Die Studie «Wertschöpfung im Online-Handel» der Universität zu Köln und des IFH Köln liefert dazu nun eine Reihe von Kennziffern. «Die Studie zeigt, dass der Online-Handel Werte für Konsumenten und Unternehmen schafft, als Innovationstreiber fungiert und den stationären Handel in vielerlei Hinsicht unterstützt», sagt Professor Dr. Werner Reinartz, Wirtschaftswissenschaftler an der Universität zu Köln.

Viele Wertschöpfungs-Ebenen
Der Einzelhandel konnte seine gesamte direkte volkswirtschaftliche Wertschöpfung im Jahr 2020 gegenüber dem Vorjahr um zwei Prozent auf 103 Milliarden Euro steigern. Der Zuwachs geht allein auf das Konto des Online-Handels mit dem Endverbraucher (B2C): Dessen Wertschöpfung stieg um zwei Milliarden Euro oder 18 Prozent auf rund 13 Milliarden Euro. Das sind 12,7 Prozent Anteil an der Wertschöpfung des gesamten Einzelhandels. Darunter fallen auch sechs Milliarden Euro, die stationäre Händler mit ihren Online-Shops an Wertschöpfung realisieren. Die indirekte Wertschöpfung des Online-Handels beträgt 15,5 Milliarden Euro. Davon profitiert das Dienstleistungsgewerbe, vor allen Dingen die Logistikbranche mit 9,4 Milliarden Euro. Auf der Ebene Hersteller/Erzeuger und Grosshandel beträgt die indirekte Wertschöpfung 6,1 Milliarden Euro.

Gleichwohl: Die Wertschöpfungstiefe des Online- und Versandhandels liegt unter den Werten des «klassischen» stationären Einzelhandels. Besonders deutlich wird der Unterschied zum Fachhandel in den Nonfood-Branchen, dessen Wertschöpfungsanteil um zehn Prozentpunkte über den Werten des Online-Handels liegt und zudem gestiegen ist. Die Hauptkomponenten der Wertschöpfung sind Personalkosten und Gewinne (Betriebsüberschuss). Beide Komponenten sind im Online-Versandhandel Jahr für Jahr gesunken. Im Fachhandel steigt hingegen der Wertschöpfungsanteil mit höherem Personalkostenanteil und sinkendem Wareneinsatz, während die zweite Komponente, der Gewinn, leicht rückläufig ist.

Fachhandel liegt vorn
Die Autoren der Studie haben auch die Umsätze der Top 15 Multi-Channel-Händler analysiert und festgestellt, dass diese ihre Zuwächse in den vergangenen Jahren ausschliesslich in ihren Online-Kanälen generiert haben. Das stationäre Geschäft hingegen kämpft mit Verlusten an Kundenfrequenz und rückläufigen Umsätzen. Hochrechnungen des IFH Köln gehen davon aus, dass im vergangenen Jahr 44 Prozent des Online-Handels allein auf Marktplätzen wie Amazon, ebay, Kaufland, Otto, Zalando und etlichen anderen getätigt wurden. Ein Grund: Die Zahl der Händler, die auf Marktplätzen aktiv sind, wächst deutlich und übersteigt längst die der Händler mit eigenem Online-Shop. Auch kleineren (Fach-)Händlern bieten Plattformen einen niedrigschwelligen Online-Hebel, der Sichtbarkeit erzeugt und Umsätze ermöglicht. Und: Die Handelsformate vermischen sich zunehmend. Stationäre Händler betreiben Online-Shops, Online- und Versandhändler betreiben häufig auch stationäre Outlets.

«Der Online-Handel treibt mit seinem Innovationsverständnis den gesamten Handel», lautet ein weiterer Befund. Dazu gehören digitale Innovationen am stationären POS – zum Beispiel Click & Collect, Online-Anzeige der Warenverfügbarkeit im Shop sowie Remote-Services wie Kaufberatung via Videocalls oder Chat. «Der Fokus der zukünftigen Innovation verlagert sich zum POS und schafft mehr Einkaufserlebnis im stationären Handel. Er verbindet on- und offline», lautet eine Hauptaussage von Handelsexperten, die die Studie kommentierten.

Viele neue Top-Jobs
Die Zahl der Beschäftigten im Online-/Versandhandel hat sich in den letzten zehn Jahren um 142 000 Beschäftigte (+155 %) auf mehr als 233 000 erhöht. Das übersteigt den Zuwachs von knapp 93 000 im stationären Einzelhandel. Die Daten der Bundesagentur für Arbeit für 2020 verdeutlichen aber auch, dass der Online- und Versandhandel tatsächlich im Verhältnis zu seiner Gesamtbeschäftigtenzahl überdurchschnittlich viele Geringqualifizierte (Helfer) beschäftigt. Aber er hat auch Stellen für gut bezahlte Spezialisten. Nur 6,7 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten des Einzelhandels, aber 19,6 Prozent aller im Einzelhandel beschäftigten Akademiker sind im Online-Handel tätig. «Der Online-Handel bietet auf der einen Seite attraktive Jobs für super ausgebildete Leute, und auf der anderen Seite bedient er ein Feld, was sonst niemand bedient. Wer hat denn so viel Arbeit für Leute ohne Schulabschluss oder Ausbildung geschaffen wie der Online-Handel?», kommentiert Nicola Perl, Direktorin bei Hermes Germany, diesen wichtigen Aspekt des E-Commerce.

Die Studie

Wertschöpfung im Online-Handel
Auf Initiative von Professor Reinartz, Universität zu Köln, und dem IFH Köln untersucht die Studie «Wertschöpfung im Online-Handel» detailliert den Einfluss des Online-Handels auf die Wertschöpfung des Handels insgesamt, auf die Beschäftigung in Deutschland, auf Handelsflächen und die Bedeutung für den Fachhandel. Darüber hinaus werden die Innovationskraft sowie Nachhaltigkeitsaspekte beleuchtet. Für die Studie wurden 1000 Konsumenten befragt, elf Expertengespräche geführt und eine Vielzahl statistischer Quellen ausgewertet.

Kostenfreier Download unter: https://www.ifhkoeln.de /produkt/wertschoepfung-im-onlinehandel/

Definition

Die Wertschöpfung
Wertschöpfung ist in der Studie definiert als der im Produktionsprozess geschaffene Mehrwert einer Branche. Die Wertschöpfung des Einzelhandels wird nach stationär und online differenziert und erfolgt auf Basis der Handelsstatistik des Statistischen Bundesamtes. Danach wird die Bruttowertschöpfung zu Faktorkosten durch Abzug der Vorleistungen von den Produktionswerten errechnet; sie umfasst also den im Produktionsprozess geschaffenen Mehrwert. Methodisch werden die in der Handelsstatistik ausgewiesenen Wertschöpfungskomponenten auf die Umsatzbasis Einzel-/Online-Handel des HDE übertragen. Die Online-Umsätze des stationären Handels werden mit den jeweiligen Wertschöpfungsmargen der Formate (Versand-/Online-Händler, Fachhandel, Kauf- und Warenhaus, LEH) bewertet, da die Handelsstatistik die Handelsformate nur in ihrer Gesamtheit betrachtet, aber die Kanäle On- und Offline nicht gesondert abbildet.

Online besser als sein Ruf
Bei der Diskussion um die ökologischen Auswirkungen des Online-Handels liegt der Fokus meist auf der Auslieferung. Bei Betrachtung der gesamten Wertschöpfungskette – inklusive Beschaffungslogistik, Lagerhaltung und Geschäft – sieht die Bilanz jedoch gut aus. In den drei betrachteten Kategorien (FMCG, Bücher und Elektronikprodukte) verursacht der Online-Handel nur 25 bis 40 Prozent der CO2-Emissionen des stationären Handels.

Quelle: IFH Köln