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Ernährung wird bewusster gelebt

Mittwoch, 17. Juni 2020
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Öfter fleischlos, mehr Regionales, frisch und schnell zubereitet: Aktuelle Ernährungstrends werden durch Corona weiter gestärkt. Die Ergebnisse des neuen BMEL-Ernährungsreports 2020.

Es muss nicht immer Fleisch sein: Pflanzliche Frikadellen und Co. landen immer häufiger im Einkaufswagen der Deutschen. Der aktuelle Ernährungsreport 2020 des Bundesminis­teriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) belegt, dass bereits die Hälfte der Deutschen schon vegetarische oder vegane Alternativen zu tierischen Produkten gekauft hat. Insbesondere Jugendliche, jüngere Verbraucher (30- bis 44-Jährige), aber auch Familien mit Kindern zeigen sich für Fleischalternativen besonders aufgeschlossen. Neugier ist beim Kauf dieser Produkte ein wichtiger Treiber (75 %), fast jeder Zweite kauft sie aus Tierschutzgründen, 43 Prozent, weil sie ihnen schmecken, vier von zehn Konsumenten, weil es gut für das Klima ist.  

Bewusster Fleischverzicht

Insgesamt bezeichnet sich mittlerweile über die Hälfte der Befragten als Flexitarier und verzichtet damit zumindest zeitweise bewusst auf Fleisch. Auch Lebensmittel aus regionaler Produktion und Bio werden immer beliebter auf dem Speisezettel. Zudem ist den Verbrauchern ein staatliches Tierwohllabel ganz besonders wichtig: 81 Prozent der Shopper befürworten ein solches Label ausdrücklich.

Der BMEL-Report spiegelt mit einer im April 2020 zusätzlich erhobenen forsa-Umfrage zur Corona-Krise darüber hinaus wider, dass Corona auch den Ernährungsalltag vieler Konsumenten in Deutschland verändert. Es ist ein neues Bewusstsein für Lebensmittel entstanden, die Wertschätzung dafür steigt – und für die Arbeit derjenigen, die sie produzieren. Die Rolle der Landwirtschaft gewinnt deutlich an Bedeutung hinzu; vier von fünf Befragten (83 %) achten beim Einkauf darauf, dass ein Lebensmittel aus der Region kommt (mehr dazu s. INFO S. 14).  Die Relevanz der regionalen Herkunft hängt allerdings auch stark vom Produkt ab. Hier liegen vor allen Dingen frische Erzeugnisse bei den Verbrauchern vorn. So ist es nicht verwunderlich, dass regionale Milch, Milch­erzeugnisse und Eier (84 %), Brot und Backwaren sowie frisches Obst und Gemüse (je 83 %) bei ihnen ganz oben auf der Hitliste stehen. Fleisch und Wurstwaren belegen hingegen den vierten Platz (76 %).

Steigende Wertschätzung

Fast jeder dritte befragte Shopper gab zudem an, in der Corona-Krise mehr zu kochen als vorher und beim Kochen mehr frische Zutaten zu verwenden. Entsprechend sank laut den Studienergebnissen die Verwendung von Fertigprodukten. Jeder Vierte gab an, diese Produkte seltener als vor der Krise zu verwenden; nur sieben Prozent taten dies dagegen häufiger. Ferner nahmen 28 Prozent der Befragten Mahlzeiten häufiger als zuvor gemeinsam ein. Zugleich hat in Corona-Zeiten auch die Bevorratung von Lebensmitteln für ­ 17 Prozent der Verbraucher an Bedeutung gewonnen. Dagegen waren klassische Lieferangebote und etablierte Lieferdienste weniger gefragt; jeder fünfte Befragte nahm aber häufiger als zuvor Lieferangebote der örtlichen Gastronomen in Anspruch. «Ob die neue Kochbegeisterung von Dauer sein wird oder lediglich den Einschränkungen in der Corona-Pandemie geschuldet ist, werden wir aber erst später beurteilen können», so Bundesministerin Julia Klöckner.

Festhalten lässt sich allerdings: Die Corona-Krise hat die aktuellen Ernährungstrends verstärkt. Unabhängig davon­ beleuchtet der BMEL-Report weitere Aspekte einer veränderten Einstellung gegenüber Ernährung, die für den Handel von Interesse sind. Schliesslich sollten die Sortimente diese Ernährungstrends auch klar abbilden. So lässt sich mehr als jeder zweite Verbraucher am Regal nach eigenen Angaben beim Einkauf vom Sortiment inspirieren. Dabei gilt in punkto Zucker-, Fett- und Salzgehalt, dass immer mehr Verbraucher beim Einkauf auf entsprechende Verpackungsangaben achten und danach ihre Kaufentscheidung fällen. Für 86 Prozent darf es bei Fertigprodukten etwas weniger süss sein, weil dies nach ihrem Empfinden gesünder ist. Fehlenden Zucker durch künstliche Süssstoffe auszugleichen ist für die Mehrheit jedoch keine Option. Daher hat das Minis­terium Verbände der Lebensmittelwirtschaft im Rahmen der Reduktions- und Ernährungsstrategie dazu verpflichtet, die Gehalte von Zucker, Fetten und Salz in Fertigprodukten zu senken.

Nachhaltige Kaufkriterien

Sich gesünder und nachhaltiger ernähren: Dieser Wunsch kann aber nur mit der Bereitschaft einhergehen, das eigene Bewusstsein dafür zu schärfen, dass mehr Nachhaltigkeit bei der Produktion landwirtschaftlicher Güter und mehr Tierwohl auch höhere Kosten verursachen. Die jüngsten Skandale um Schlacht- und Zerlegebetriebe in Deutschland sind ein weiterer Weckruf für die Verbraucher geworden. Aber auch der bereits vorher erschienene Ernährungsreport offenbart, dass die Befragten besonderen Wert auf artgerechte Tierhaltung (66 %) legen. Vor allem Frauen (74 %) sowie den 30- bis 44-Jährigen (68 %) und den Menschen ab 60 Jahren (72 %) liegt dieses Thema am Herzen. Faire Löhne finden 64 Prozent sehr wichtig, über alle Altersgruppen hinweg. Die Qualität der Produkte ist für 63 Prozent von grosser Bedeutung. Insgesamt sind die Ansprüche der Frauen dabei etwas höher als jene der Männer.

Auch in diesem Jahr zeigt sich, dass die Befragten bereit wären, für mehr Tierwohl mehr zu bezahlen – und das bundesweit und unabhängig von ­Alter und Geschlecht. So gaben 14 Prozent der Shopper an, für ein Kilogramm Fleisch von Tieren, die besser gehalten werden, als es das Gesetz vorschreibt, einen Preis von bis zu 12 Euro zu bezahlen, 45 Prozent würden dafür bis zu 15 Euro ausgeben. 22 Prozent würden Kosten von bis zu 20 Euro zahlen und 11 Prozent ­wäre dies sogar einen Preis von mehr als 20 Euro wert.

Laut BMEL-Report zeigen auch die Initiativen gegen Lebensmittelverschwendung Wirkung. Die Konsumenten sind nach Erkenntnissen von forsa in Sachen Wertschätzung von Lebensmitteln und Ressourcenverschwendung sensibler geworden. Nach eigenen Angaben verlassen sich 91 Prozent der Befragten inzwischen auf ihre Sinne und prüfen ein Lebensmittel nach Ablauf des MHD, ob dies noch geniessbar ist, anstatt es direkt wegzuwerfen. 2016 taten dies nur 76 Prozent. Insgesamt, so lautete das Fazit der Bundesministerin bei Vorlage des Ernährungsreports: Tierwohl, transparente Kennzeichnung und die Vermeidung von Lebensmittelverschwendung, Regionalität und ausgewogene Ernährung seien wichtige Themen für die Verbraucher.
Ernährung werde bewusster gelebt.

Info

Globale Herausforderung Welternährung

  • Ernährung wird angesichts der wachsenden Weltbevölkerung immer mehr zur Herausforderung. Die Mehrheit der Verbraucher, die von forsa hierzu befragt wurden, vertritt folgende Ansicht: Die weltweite Ernährung kann vor allem durch eine Reduzierung von Lebensmittelabfällen (86 %), einen verstärkten Konsum regionaler Produkte (82 %) und weniger Fleischkonsum (79 %) gesichert werden. Frauen (87 %) halten vermehrten Konsum regionaler Produkte in noch höherem Masse für geeignet als Männer (77 %).
  • 59 % der Befragten betrachten die Förderung der Landwirtschaft in städtischen Ballungsräumen als die richtige Strategie. Gut die Hälfte der Befragten setzt auf eine höhere Produktivität der Landwirtschaft.
  • Auch die Aufgeschlossenheit für neue Lösungen steigt: 51 % sehen in dem verstärkten Konsum von Fleischersatzprodukten und 41 % in Lebensmitteln aus Insekten einen geeigneten Weg für den Speiseplan von morgen. Vor allem junge Menschen zwischen 14 und 29 Jahren sind mit 50 % besonders offen für Insektenburger statt Steak.

Regionale Erzeugung unterstützen

  • Seit Corona sehen viele Verbraucher die Landwirtschaft in einem anderen Licht. Mehr  als jede dritte befragte Person (39 %) gibt an, dass die Landwirtschaft für sie in der Corona-Krise an Bedeutung gewonnen hat. Besonders unter den Jugendlichen und jungen Erwachsenen ist die Landwirtschaft wichtiger geworden als vor der Krise (47 %).
  • Immer mehr Konsumenten wollen verstärkt auf saisonale Produkte mit kurzen Transportwegen zurückgreifen. Gleichzeitig legen sie Wert darauf, beim Lebensmitteleinkauf die Landwirtschaft in ihrer Region zu unterstützen. 83 % der Befragten ist es (sehr) wichtig, dass ein Lebensmittel aus der Region kommt. Damit ist der Anteil seit 2016 (73 %) und 2017 (78 %) weiter gestiegen.

Quelle: Ernährungsreport 2020 – eine forsa-Studie im Auftrag des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft