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Markantes: Die Start-up-DNA

Freitag, 24. Mai 2019
Foto: F1online

Die Digitalisierung verändert Handel und Konsum nachhaltig. In dem Kontext treten Start-ups in den Markt und zeigen wie schneller, leichter und kundenfreundlicher agiert werden kann. Daten und Fakten.

Neue Player auf dem Markt, veränderte Kundenansprüche und junge Mitarbeiter mit Wertvorstellungen, die von der Generation ihrer Eltern abweichen – die Digitalisierung verändert Wirtschaft und Handel nachhaltig. Und mitten drin im Geschehen sind junge Unternehmen der Start-up-Szene. Sie helfen, neue Technologien gesellschaftsfähig zu machen, verkrustete Strukturen aufzubrechen und zukunftsfähige Arbeitsplätze zu schaffen – heisst es aus dem «Start-up-Report 2018» der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW). Google und Facebook sind zwei solcher Start-ups der vergangenen 20 Jahre, denen all das gelungen ist.

Innovativ, flexibel, risikofreudig

Doch was zeichnet erfolgreiche Neugründungen aus? Sie zeigen laut KfW-Report, wie schneller, leichter und kundenfreundlicher agiert werden kann. Durch ihre Flexibilität, ihre kurzen Entscheidungswege und ihre Risikobereitschaft passen sie perfekt in die heutige, schnelllebige Zeit. Sie bedienen die Anforderungen der Gesellschaft, die sich im ständigen Wandel befindet, und können schnell auf neue Trends reagieren.
«Start-ups bringen neue Ansätze und neue Dynamik in den Markt», fasst Frank Thelen zusammen. Seine Passion für Start-ups entdeckte der Tech-Investor und CEO von «Freigeist Capital» in der Vox-Show «Die Höhle der Löwen». Und: «Erfolgreiche Start-ups hinterfragen den Status Quo», sagt Nicolas Kittner. Er ist Geschäftsführer von Silicon Pauli, einer Plattform für digitale Produktinnovationen. «Airbnb zeigt, dass man in Wohnungen fremder Leute besser übernachten kann als in vielen Hotels. Tesla macht deutlich, dass man für tolle Autos weder Benzin noch einen Fahrer braucht», führt Kittner weiter aus. «Diese Beispiele zeigen, dass erfolgreiche Start-ups im ersten Schritt hinterfragen, wie bestimmte Industrien funktionieren, und sie im zweiten Schritt mithilfe von Technologie revolutionieren.» Das höre sich einfach an, sei aber in der Umsetzung sehr komplex. «Nicht umsonst sagt man, dass neun von zehn Start-ups nicht erfolgreich sind», so Kittner. Dennoch steigt laut dem «Start-up-Report 2018» der Kreditanstalt für Wiederaufbau die Zahl der Start-up-Gründer und -Unternehmen in Deutschland.

Intrinsische Gründungsmotive

Im Jahr 2017 gab es rund 108 000 Gründer mit 60 000 Start-ups. Ein Jahr zuvor lag diese Zahl bei 93 000 Gründern mit 54 000 Start-ups. Dabei ist vor allem die intrinsische Motivation, also der eigene Antrieb, der Treiber. Unabhängigkeit, Wohlstand, Herausforderung oder Anerkennung – aus diesen freiwilligen Motiven heraus wird ein Unternehmen gegründet. Andererseits auch aus notwendigen Bedingungen, wie zum Beispiel Arbeitslosigkeit. Die Ergebnisse des «Deutschen Startup Monitors 2018» zeigen, dass nur knapp jeder zehnte Gründer aus Notwendigkeit ein Start-up gründet (Antwortoptionen: «Stimme zu» und «Stimme voll und ganz zu»: 9,7 %). Es dominieren die freiwilligen Motive, wobei insbesondere die Aussagen hinsichtlich der intrinsischen Gründungsmotive, das heisst Herausforderung (94,5 %) und Unabhängigkeit (86,8 %) priorisiert werden. Demgegenüber wurden den Aussagen der extrinsischen Motive, in Form von «(sozialer) Anerkennung» (53,2 %) und «Wohlstand» (49 %), eine geringere Bedeutung eingeräumt. Start-ups sind die neuen Player auf dem Markt, die den Wettbewerb ankurbeln. Davon ist Frank Thelen überzeugt. Bezeichnend für sie sind ihre Innovationsfähigkeit und Authentizität. Ferner stellt die Digitale Wirtschaft das wichtigste Gründungsumfeld der Startups dar, und bereits jetzt ist ein deutlicher Einfluss der Künstlichen Intelligenz (KI) auf ihre Geschäftsmodelle erkennbar.

Antrieb für Veränderungen

«Ich denke, Start-ups sind gewissermassen der Antrieb für Veränderungen. Dies sollten wir als Chance anerkennen», so der Fachmann. Und diese sollten genutzt werden. Denn: Handelsunternehmen können nicht nur von diesen Möglichkeiten profitieren, sie können von den Jungunternehmern auch lernen. «Startups erzählen eine Geschichte zu ihrem Produkt, sie leben für ihr Produkt. Ausserdem haben sie oft viel kürzere Entscheidungswege und können so besser und schneller auf Kundenanforderungen reagieren», erklärt Thelen. Zwischen Handelsunternehmen und Start-ups können sich daher fruchtbare Kooperationen entwickeln, von denen beide Seiten profitieren. In der Zusammenführung der unterschiedlichen Unternehmenskulturen sieht der Tech-Investor indes eine Herausforderung, die es zu meistern gilt. Chancen und Potenziale sieht er für beide Seiten im nachhaltigen Markenaufbau und in der Beziehung zum Kunden. «Die Verbraucher wollen Geschichten und Emotionen kaufen. Start-ups haben genau diese Geschichten und leben für ihr Produkt. Sie haben tendenziell auch die hochwertigeren Produkte und Zutaten. Billige Preise sowie etablierte Marken erhält der Verbraucher auch beim Discounter. Der Kunde will aber ein Erlebnis kaufen – und so schlägt grundsätzlich das Erlebnis den Preis.»

Herausforderung Kooperation

Wenn Unternehmen mit Start-ups ernsthaft zusammenarbeiten wollen, sollten sie sich fragen, was sie von den Jungunternehmen erwarten: Geht es um Inspiration und neue Impulse? Sollen neue Technologien entdeckt werden und diese über White-Label-Lösungen eingekauft werden? Steht die Investition im Fokus oder ist es das Ziel, das komplette Start-up zu akquirieren? «Das Risiko ist, dass Start-ups und grosse Unternehmen sich zwar erst mal interessant finden, dann aber schnell aneinander vorbeireden und -arbeiten. Etablierte Unternehmen sind oft im Inspirationsmodus, Start-ups dagegen im Exekutionsmodus», sagt der Silicon-Pauli-Geschäftsführer. Daher sollten diese Fragen im Vorfeld der Kooperation geklärt werden.

Fakt ist: Wer mit Start-ups zusammenarbeiten möchte, der hat enorme Chancen. Daher hält Kittner folgendes fest: «Handelsunternehmen können neue Produkte, Geschäftsmodelle und Technologien früh entdecken und für sich nutzen. Sie können Methoden und Tools in das Tagesgeschäft übertragen. Und über Beteiligungen können sie vom rasanten Wachstum der erfolgreichsten Unternehmen profitieren.» Doch wie lässt sich das passende Start-up finden? Welche Kriterien sollte man dabei im Auge behalten? Laut Kittner ist es ratsam, in drei Schritten vorzugehen: 1. Definition der Zielgruppe, 2. Aufbau eines Netzwerkes und Expertise, 3. Definition des Prozesses. Die Arbeit mit Start-ups sei ein Marathon, kein Sprint. «Nur wer durchhält, eine klare Strategie verfolgt und es ernst meint, wird erfolgreich sein. Dann aber umso mehr.»

Info

Fakten zu Start-ups

Branche: Die meisten Start-ups werden im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnologie gegründet (31,6 %), danach folgen die Branchen «Medizin und Gesundheitswesen » (10,1 %) und «Ernährung
und Nahrungsmittel/Konsumgüter » (9,7 %).

Kunden: Mehr als zwei Drittel der Start-ups erzielen oder planen ihre Umsätze mit Unternehmen aus dem B2BBereich (67,7 %). Insgesamt 27,5 % der Umsätze werden mit B2B-Kunden erwirtschaftet und 4,8 % der Umsätze durch Geschäftsbeziehungen mit Behörden (B2G).

Digitalisierung: Die Digitale Wirtschaft stellt das wichtigste Gründungsumfeld der Start-ups dar. So wird der Digitalisierung im Allgemeinen ein «sehr grosser Einfluss» (54,5 %) auf die Entwicklung des Geschäftsmodellszugeschrieben. Auch der Einfluss der Künstlichen Intelligenz (KI) auf ihr Geschäftsmodell wird als «sehr gross» (16,1 %) beziehungsweise «viel» (19,4 %) oder «mittel» (23,8 %) eingeschätzt.

Unternehmensstrategie: Für die Start-ups ist weiterhin die Produktentwicklung am wichtigsten (91,3 %). Ebenso wird wie im Vorjahr die Profitabilität höher priorisiert (84,8 %) als schnelles Wachstum (75,8 %).

Märkte: Rund 83 % der Umsätze erwirtschaften deutsche Start-ups in Deutschland (2017: 78,7 %). Das ist ein Anstieg um 4,3 Prozentpunkte. Internationalisierung: Die meisten Start-ups planen eine Internationalisierung (60,1 %). Dabei sind für sie die europäischen Märkte das wichtigste Ziel (95,1 %).

Quelle: Deutscher Startup Monitor 2018

 

Info

Wachsend, innovationsorientiert
Die Zahl der Start-up-Gründer und -Unternehmen in Deutschland wächst. Im Jahr 2017 gab es rund 108 000 Gründer mit 60 000 jungen Unternehmen. Ein Jahr zuvor lag diese Zahl noch bei 93 000 Gründern mit
54 000 Start-ups. Als Start-up definiert KfW Research innovations- oder wachstumsorientierte junge Unternehmen, die aufgrund dieses Profils von besonderem, volkswirtschaftlichem Interesse sind. Kleiner, aber
ebenfalls gestiegen, ist die Zahl der Start-up-Gründer im engeren Sinn, das heisst derjenigen, die sowohl innovations- als auch wachstumsorientiert sind: 29 000 solcher Gründer mit 12 500 Unternehmen gab es im
Jahr 2017, im Jahr 2016 waren es lediglich 19 000 Gründer mit 9000 Unternehmen.

Internetbasiert, digital, international
Die Innovations- oder Wachstumsorientierung von Start-up-Gründern äussert sich darin, dass ihre Projekte häufiger internetbasiert, digital und international sind. Denn diese Eigenschaften stehen für effizientere
Vertriebswege, höhere Skalierbarkeit und grössere Märkte. Die Folge ist ein höherer Kapitalbedarf. Um diesen zu decken, sind für Start-up-Gründer alternative externe Kapitalgeber von grösserer Bedeutung. Sie nehmen deshalb aber auch häufiger Probleme bei der Gründungsfinanzierung wahr. Startup-Gründer sind darüber hinaus geschäftskundenorientierter als andere Jungunternehmer – sie unterscheiden sich darin von den internationalen Erfolgs-Startups. Zukünftig könnte ihr B2B -Fokus aber ein Vorteil sein.

Quelle: KfW Research/KfW-Start-up-Report, November 2018