Ausgabe:

Zwischen Lifestyle und nachhaltigem Denken

Dienstag, 02. April 2019
Foto: Fotolia (dontree)

Der Verbraucher ist ein ambivalentes Wesen: Mal greift er zu weniger stark verpackten Artikeln, dann wieder zum To-go-Produkt. Wie sich das verbinden lässt.

In den Weltmeeren schwimmt der Plastikmüll, das Klima verändert sich, die Ressourcen der Erde werden knapper – für viele Konsumenten sind das Gründe, den eigenen Konsum zu hinterfragen. Fast jeder Zweite (45,4 Prozent) sieht sich bei der Frage nach der Verantwortung für den Plastikmüll im Meer als Teil der Konsumgesellschaft selbst in der Pflicht. 35,8 Prozent der Befragten sehen die Verantwortung bei Industrie und Handel. Zu diesem Ergebnis kommt eine Befragung von tns Infratest im Auftrag des Deutschen Verpackungsinstituts. Auch bei der Frage, wie sich all der Müll vermeiden lässt, haben die Menschen klare Vorstellungen: Etwa 52 Prozent der österreichischen Haushalte kaufen nach Angaben der Gesellschaft für Konsumforschung gezielt Produkte mit wenig Umverpackung. Laut einer Umfrage des Marktforschungsinstituts Splendid Research sind 71 Prozent der Deutschen begeistert vom Konzept so genannter Unverpackt-Läden, in denen sie lose Produkte wie Reis oder Nudeln in selbst mitgebrachten Behälter nach Hause tragen können.

Unverpackt versus take-away

Auf der anderen Seite liegt Coffee-to-go unverändert im Trend. Bei einer Umfrage von Statista haben 17 Prozent der Deutschen geantwortet, dass sie sich häufig einen Kaffee oder ein anderes Heissgetränk für unterwegs holen. 50 Prozent immerhin manchmal. Laut Zahlen der Deutschen Umwelthilfe landen so jährlich knapp 2,8 Milliarden Becher in Deutschland im Müll. Zusätzlich werden für deren Herstellung grosse Mengen an Rohöl, Papier und Wasser verbraucht.

«Das ist völlig normal», weiss Thomas Ebenfeld. Er ist Gründer von concept m research + consulting, das sich als Unternehmen auf tiefenpsychologische Marktforschung spezialisiert hat. Als Psychologe weiss er, wie Verbraucher ticken: «Menschen sind widersprüchlich und wollen immer alles zugleich. Den Einen sind solche Widersprüche gar nicht bewusst; andere merken sie und stören sich nicht daran.»

Zwischen Pflicht und Kür

Diese Facetten sind nämlich nicht nur zwei Extreme aus dem Durchschnitt aller Bundesbürger, sondern sogar im gleichen Verbraucher zu finden. Der Händler steht vor der Herausforderung, dass er beide Bedürfnisse bedienen muss. Dazu kann er selbst viel tun. Immer mehr Händler verbannen Einwegbeutel aus der Obst- und Gemüseabteilung, verzichten auf Umverpackungen, bieten lose Lebensmittel zum Abwiegen an oder überarbeiten die Eigenmarken (siehe Marginalspalte). Bei Industriemarken sollte der knappe Regalplatz gut konzipierten Produkten Vorrang eingeräumt werden. Ein Beispiel: «Bei allen Anbietern von Bio-Fruchtjoghurt bestehen die Töpfchen derzeit aus zwei Schichten: einem dünnen Plastik-Becher, der den Trend zu weniger Plastik bedient, und einer Umhüllung aus Karton», erklärt Ebenfeld. Geschickt: Der Verbraucher freut sich darüber, dass er diese auseinandernehmen und trennen kann. «Es ist eine aktive Tätigkeit, mit der er sein Umwelt-Gewissen beruhigen kann.» Und so werden im gut sortierten Supermarkt bis auf Weiteres unverpackte Lebensmittel neben to-go-Bechern zu finden sein.

Interview

«Sozial und ökologisch verantwortbar» Bio4Pack hat sich auf kompostierbare und nachhaltige Verpackungen spezialisiert. Patrick Gerritsen, Geschäftsführer bei Bio4Pack, gibt hierzu einen Ausblick.

Was zeichnet die Verpackung der Zukunft aus?
Nur etwa 15 bis 20 Prozent aller Verpackungen in Deutschland werden recycelt. Der Rest wird verbrannt oder kommt auf die Deponie. Künftig ist also entscheidend, dass Verpackungen nur zum Einsatz kommen, wenn es keine Alternative gibt. Verpackungen haben vier Aufgaben: sie schützen das Produkt, erleichtern die Lagerung, den Transport und das Handling und bieten Platz für Informationen. Kann ein Produkt darauf nicht verzichten, muss es wenigstens recycel- oder kompostierbar sein.

Müssen Verbraucher für eine nachhaltige Verpackung mehr bezahlen?
Eine Schale, die aus landwirtschaftlichen Abfällen hergestellt wird, ist preislich genauso teuer wie ihr Pendant aus Pappe. Ein Beutel aus Zuckerrohr kostet jedoch etwa das Dreifache wie einer aus Plastik. Allerdings kommen beim Endkunden nur etwa drei Cent pro Artikel an, was er nicht unbedingt bemerkt. Hingegen ist der Bio-Käufer bereit, mehr für nachhaltige Verpackungen zu bezahlen.

Woran kann der Verbraucher denn nachhaltige Verpackungen erkennen?
Er erkennt dies am Keimling-Logo auf der Verpackung. Die Schutzmarke wurde vom Verband European Bioplastics eingeführt und ist ein Gütesiegel für kompostierbare Verpackungen. Es zeigt, dass die Verpackung biologisch abbaubar ist und sich vollständig in einer Kompostierungsanlage zersetzt.

Und zuhause auf dem Kompost?
Nicht alle kompostierbaren Materialien sind für den heimischen Kompost geeignet. Solche aus PLA etwa, das ist die Abkürzung für Polymilchsäure, brauchen dazu mindestens 65 Grad. Das erreicht der heimische Komposthaufen nicht. Zudem haben immer weniger Menschen einen eigenen Kompost, da sie vom Land in die Stadt ziehen.

Dann also in die Bio-Tonne damit?
Kompostierbare Verpackungen dürfen in Deutschland nicht über die Bio-Tonne entsorgt werden. Den gesetzlich vorgeschriebenen sechs Monaten Kompostierungszeit stehen acht bis zehn Wochen gegenüber, nach denen der Kompost aus wirtschaftlichen Gründen verkaufsfähig sein soll. Ausserdem befürchtet man, dass die Verbraucher überfordert sein könnten und dann auch herkömmlicher Kunststoff in der Bio-Tonne landet. Daher müssen kompostierbare Verpackungen ebenfalls im Plastikmüll entsorgt werden. In Holland ist das anders, hier dürfen sie auch in die Bio-Tonne.

 

Info

Die Initiativen der MARKANT Partner zur Reduzierung und Vermeidung von Plastik und Verpackungen am POS

  • Kaufland verkauft seine Kaffeebecher der Eigenmarke K-to-go ohne Plastikdeckel. Stattdessen hat das Unternehmen eine Trinköffnung im Aluverschluss integriert. Diese erleichtert den Kunden das Trinken und fühlt sich zudem angenehmer an.
  • tegut bietet seinen Kunden an, den Einkauf an den Frischetheken in eigene Boxen verpacken zu lassen. Als «Schleuse» dient ein Tablett, auf dem die Box über die Theke gereicht und anschliessend gereinigt wird.
  • Globus bietet zahlreiche Produkte lose an. Dazu gehören Grundnahrungsmittel wie Getreide, Saaten und Hülsenfrüchte, Tee und Müsli sowie Tiernahrung. In den Süsswarenabteilungen gibt es Markenartikel wie M&Ms, Lindt-Pralinen oder Fruchtgummi, die sich die Kunden selbst abfüllen können.
  • dm-drogerie markt hat bereits 2015 kostenlose Plastiktüten abgeschafft sowie im vergangenen Jahr das Rezyklat-Forum initiiert. Diesem haben sich neben ROSSMANN und Globus rund 20 Markenartikler und
  • weitere Unternehmen aus der Verpackungs- und Recyclingindustrie angeschlossen. Demnächst gehört auch die MARKANT dazu. Die Mitglieder setzen sich u. a. für die Vermeidung und Reduzierung von Kunststoffverpackungen, Erhöhung der Recyclingquoten sowie eine stärkere Verwendung von Rezyklaten ein.
  • MPREIS bietet mit den Smart-Bags wiederverwendbare Beutel für den Einkauf von frischem Obst und Gemüse an. Die praktischen Netztaschen sind bei 30 Grad waschbar und können beliebig oft verwendet werden.