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Discounter fordern heraus

Montag, 06. November 2017
Foto: Kaufland (Baldauf & Baldau)

Die Discounter haben eine Innovationsoffensive gestartet und gewinnen Marktanteile. Die Vollsortimenter halten dagegen und überraschen ihrerseits mit interessanten, innovativen Konzepten.

Monatelang wurde getestet, das Kundenverhalten analysiert, Warengruppen neu zusammengestellt und für die Inneneinrichtung verschiedene Regal-Prototypen ausprobiert. Im Juli 2017 war es dann soweit: Grünes Licht für den Rollout von ANIKO in allen 2 300 Märkten. ANIKO steht für „Aldi Nord Instore Konzept“ und ist das grösste Projekt in der Geschichte des Unternehmens. Das Ergebnis ist ein hochmoderner Discount-Markt mit einem vergrösserten (Marken-)Angebot an Obst, Gemüse, Fleisch und Fisch, Bio-Produkten, frischen Backwaren und neuen Convenience-Artikeln. Gleichzeitig werden die Filialen heller, freundlicher und geräumiger. So wie Aldi Nord arbeiten auch alle anderen Discounter in Deutschland, Österreich und der Schweiz an einem Trading-up ihrer Standorte. 

Die Erfolge sind sichtbar und schlagen sich in den Zahlen der Marktforscher nieder. Nach mehreren Jahren stagnierender und sogar rückläufiger Marktanteile holen die Discounter seit 2016 wieder auf. In den ersten sieben Monaten 2017 legten sie laut GfK beim Umsatz um 4,8 Prozent zu, während die Supermärkte auf plus 2,7 Prozent kamen und die SB-Warenhäuser 1,8 Prozent Umsatz verloren. «Durch den Ausbau der Frischsortimente und eine vor allem auf jüngere Käufer abzielende Serviceoffensive sind die Discounter weiter an die Vollsortimenter herangerückt», lautet die Analyse der GfK. «Die zahlreichen schicken neuen Filialen tun ihr Übriges.»

Antipasti-Bar und Sushi-Circle

Die Antwort der nicht discounierenden Wettbewerber liess nicht lange auf sich warten. Während die vielfach privat geführten Super- und Verbrauchermärkte ihre Flächen traditionell regelmässig aufwerten und damit auch immer wieder die einschlägigen Branchenauszeichnungen abräumten, machten zuletzt auch die SB-Warenhausbetreiber mit teilweise spektakulären Konzepten von sich reden. 

Vom gewohnten Bild eines typischen SB-Warenhauses, in dem Kunden prall gefüllte Einkaufswagen durch die Gänge schieben, müsse man sich «im neu eröffneten Kaufland am Alexanderplatz in Berlin ein Stück weit verabschieden», so die Münchener BBE Handelsberatung in einem Kommentar zur Branche. Dort beherrschten nicht Einkaufswagen mit Familienpackungen das Bild, sondern es eilten hungrige Kunden durch die Abteilung mit Convenience Produkten, stellt die BBE fest – und zollt Anerkenung: «Genau diese mobilen und gesundheitsbewussten Kunden möchte Kaufland am Alexanderplatz erreichen. Neben einer To-Go-Abteilung mit Wraps und Smoothies sollen Kundenbedürfnisse an einer Antipasti-Bar und einem Sushi-Circle gestillt werden.» 

Neue Einkaufsqualitäten

Neue Wege auf ihren Flächen gehen auch viele andere MARKANT Mitglieder. Der 2016 eröffnete Globus-Markt in Rüsselsheim-Bauschheim stellt Frische und eigene Herstellung in den Mittelpunkt. In einem innovativen Gastronomie-Konzept vereint Globus hier Restaurant mit Front Cooking und Mitnahmeservice. Vor den Augen der Kunden bereiten die Köche regionale und internationale Spezialitäten frisch zu, grillen Fleisch und Würstchen, backen von Hand belegte Pizzen im Steinbackofen. 

Im Mai 2017 hat Bartels Langness ein neues famila-Warenhaus in Heiligenhafen eröffnet, mit Investitionen von rund zehn Millionen Euro. Auch dieser Markt bietet den Kunden neue Qualitäten beim Einkaufen und Vor-Ort-Geniessen. Highlights sind die Frischebereiche. An der Salatbar können sich die Kunden ihren verzehrfertigen Salat individuell zusammenstellen. Frisch gepressten Orangensaft gibt es direkt daneben. Wer noch Inspiration für eine Mahlzeit sucht, kann sich zum Beispiel am Rezeptberater-Terminal informieren.

Modernisierung mit grossem Aufwand

Die Bünting Gruppe hat sich Im Rahmen des Programms «Zukunft Bünting» die konsequente Ausrichtung am Kunden auf die Fahne geschrieben. Dafür wurde eine neue Marktgeneration mit neuem Ladenaufbau, neuer Sortimentsgestaltung und Weiterbildung der Mitarbeiter in Warenkunde und Beratungskompetenz entwickelt. Bis Ende 2018 sollen alle Märkte von famila, Combi und Jibi auf das neue Konzept umgestellt werden. 

Mit grossem Aufwand hat auch Tegut seine Filialen modernisiert und beschreitet dabei innovative Wege vom Ladenbau bis hin zu Sortimenten und Serice. Ein Kennzeichen sind die besonders grosszügig gestalteten Wein-, Obst und Gemüseabteilungen. Aber auch den Trend zum Sofortverzehr greift Tegut auf und bietet unter anderem ultrafrische To-go-Produkte wie Smoothies, Obst, Salate oder gekühlte Kuchen.

Nun bleibt abzuwarten, ob all diese Investitionen und Engagements der Vollsortimenter in naher Zukunft zu steigenden Umsätzen führen. Das hängt auch davon ab, ob wichtige Kundengruppen von den Discountern zurück geholt werden können. Was die Kundensegmente angeht, so wachsen die Discounter derzeit sowohl bei den preis- als auch bei den qualitätsbewussten Verbrauchern. Bei letzteren sind die wertmässigen Zuwächse mit 5,4 Prozent aber höher als bei den preisbewussten Käufern (+4,5%). Das geht aus einer Analyse der GfK hervor. Dies hat nach Ansicht der Marktforscher mit den Investitionen ins Sortiment und in die Warenpräsentation, aber auch mit Markenlistungen zu tun. Denn damit zögen die Discounter Käufer an, «die zwar preisbewusst sind, für die das entscheidende Kriterium beim Einkauf aber vor allem die Qualität ist».

 

Info

Im Wettbewerb der Handelsformate zählt zunehmend Qualität statt Quantität – zwei Beispiele zur Verdeutlichung: 

  • Expansion Die Erwartungen der Händler an Umsatz und Standortentwicklung sind auch im zweiten Halbjahr 2017 überwiegend positiv. Allerdings würden potenzielle Standorte heute stärker unter die Lupe genommen als früher, erklärt Kristina Pors, Projektleiterin Handelsimmobilien beim EHI Retail Institute. «Es werden keine Wagnisstandorte umgesetzt, die Händler gehen auf Nummer sicher.»
  • Trading-up Die GfK stellt fest, dass der LEH auf die höherwertige Nachfrage der Verbraucher reagiert. Discounter bauen ihre Marken-Angebote aus, Vollsortimenter arbeiten ebenfalls an einer höheren Wertschöpfung in allen Sortimenten. Als Beispiele dafür nennt die GfK Käse, Fleisch und einige Getränkekategorien sowie verzehrfertige frische Produkte.