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Bio weiter im Aufwind

Freitag, 01. März 2019
Foto: NuernbergMesse (Erich Malter)

Auf der Biofach in Nürnberg zeigte sich im Februar die Branche in ihrer ganzen Vielseitigkeit und dabei äusserst trendbewusst. Das positive Fazit lautet: Der Bio-Markt entwickelt sich weiter umsatzstark.

Ihren 30. Geburtstag feierte die Biofach mit Bestmarken: Über 51 500 Besucher trafen auf  rund 2990 Austeller aus  95 Ländern. Die Bio-Branche in der DACH-Region zog ebenfalls eine überaus positive Bilanz: Laut dem Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW) kletterte 2018 in Deutschland der Umsatz im Lebensmitteleinzelhandel auf 6,43 Milliarden Euro und erzielte damit ein Plus von 8,6 Prozent. In Österreich werden Bio-Produkte als Motor im klassischen LEH gesehen, nach Angaben des Agrarmarkts Austria stieg die eingekaufte Menge um 7,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Europaweit wurde in der Schweiz 2017 mit 288 Euro pro Kopf am meisten für Bio-Lebensmittel ausgegeben, die Bio-Einzelhandelsumsätze schlossen mit über 2,4 Milliarden Euro ab, so das Forschungsinstitut für biologischen Landbau. Für 2018 wird von der Vereinigung Bio Suisse die Fortsetzung des seit Jahren anhaltenden Wachstumstrends im Bio-Markt von durchschnittlich 7,6 Prozent pro Jahr erwartet.

Veggie und vegan dominant

Gesunde Ernährung wird Verbrauchern immer wichtiger, dabei spielen vegetarische und vegane Produkte eine grosse Rolle. Das Segment gehört auf der Biofach zu den konstant wachsenden Sortimenten und wird in den Handelsregalen auch weiterhin dominant vertreten sein. Unter den Alternativen zu Fleisch punktet derzeit die tropische Jackfruit mit ihrer fleischähnlichen Struktur. Lotao ergänzt beispielsweise seine bestehende Range mit fertigen Bratlingen aus der Jackfruit sowie mit Snack-Chips  - und folgt damit einem Trend, der in der Bio-Branche an Fahrt aufnimmt.

Kleine Mahlzeiten zwischendurch, eine einfache, schnelle  Zubereitung von Gerichten – Verbraucher wünschen sich eine dem Rhythmus des Alltagslebens angepasste und gesunde, schmackhafte Ernährung. Convenience ist im Bio-Sektor angekommen und zieht sich durch die Warengruppen: Verschiedene Snackformate stehen zur Verfügung, darunter die neuen «Superfood Snacks» von Neoli mit Bio-Nüssen, -Kernen und –Früchten. Für die schnelle Küche reicht das Angebot von Frischnudel-Varianten bis zu fertigen Gerichten, die lediglich erhitzt werden. Dazu zählen die «Frisch-dazu-Gerichte» von Davert, die nach Zugabe von Kokosmilch oder Gemüse in 15 Minuten auf dem Tisch stehen. Auch im umsatzstarken Warensegment der Milchprodukte zeigt sich Bio convenient, beispielsweise mit Trinkjoghurts, Smoothies oder Käsezubereitungen. Und sogar für die Ernährung der Jüngsten kommen zeitlich flexible Lösungen in den Handel, wie etwa vom Berliner Start-up Unternehmen Freche Freunde, das ab Mai ein Bio-Beikostsortiment für Babys in Quetschbeuteln bereithält, als praktische Unterstützung für unterwegs.

Konsumtrends im Fokus

Auch auf die aktuellen Ernährungswünsche der Konsumenten nach weniger Kohlenhydraten, dafür mehr Proteingehalt im Essen, reagieren Bio-Anbieter mit vielfältigen Angeboten. Allos offeriert ungesüsstes «Protein Müsli»; neu in der «fit food»-Range von Kluth ist der «Protein Mix» mit Eiweiss aus Nüssen und Sojabohnen. Als proteinreiche Beilagen-Alternative stellt sich das Konzept «biozentrale Wie Reis» des gleichnamigen Unternehmens vor, dabei handelt es sich um optisch reisähnliche Hülsenfrüchtekörner aus Erbsen, Linsen oder Kichererbsen.

Das Interesse der Verbraucher gilt aber nicht nur ihrer gesunden Ernährung, erklären Branchen-Insider. Zunehmend richte sich der Blick auf die Nachhaltigkeit der Lebensmittel, auf transparente Lieferketten, Produktionsbedingungen, regionale oder fair gehandelte Waren und neue Verpackungslösungen. Die starke Nachfrage nach Bio-Produkten an der Ladenkasse wird demnach auch von dem Anliegen getragen, in eine enkeltaugliche Umwelt, Landwirtschaft und Ernährung zu investieren, fasst es BÖLW-Geschäftsführer Peter Röhrig zusammen.   

Interview

Prof. Dr. Stephan Rüschen, Professor für Lebensmittelhandel/Food Retail an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Heilbronn, zum Thema Kundenzufriedenheit im Bio-LEH.

Auf welchen Kriterien basiert die Kundenzufriedenheit?

Die Stärken im Bio-LEH liegen zum einen in seinen Mitarbeitern, zum anderen in der Qualität der angebotenen Ware. Auf diese beiden Faktoren achten die Bio-Kunden beim Einkauf besonders und darauf basiert auch die Kundenzufriedenheit. Daher sollte man hier keinerlei Kompromisse eingehen.

Der Wettbewerb ist gross. Was sollte der Handel tun, um die Kunden an den Markt zu binden?

Der Wettbewerb im Bio-Markt wird zum Beispiel durch die Listung von Bioland-Produkten bei Lidl und Demeter-Produkten bei Kaufland intensiver. Der Bio-LEH sollte konsequent seine Positionierung mit 100 Prozent Bio-Artikeln vor allem mit Demeter, Naturland und Bioland Siegeln beibehalten. Der Bio-LEH wird zwar «vagabundierende Bio-Käufer» mit geringen Bio-Ausgaben pro Haushalt zunehmend verlieren, aber die intensiven Bio-Käufer mit hohen Bio-Ausgaben behalten und binden können.

Auf welche Stärke sollte sich der selbstständige Handel fokussieren?

Die selbstständigen Händler sollten den Mitarbeiter in den Vordergrund stellen, der freundlich, sachkundig und vor allem authentisch selber Bio «lebt». Denn Bio ist für die Intensiv-Käufer nicht nur ein Ernährungsstil, sondern häufig eine Lebenshaltung. So wollen sie zum Beispiel der Hektik und Anonymität im Discount «entfliehen» und suchen daher die kleineren Geschäfte der selbstständigen Bio-Händler.

Welche Rolle spielt speziell der Preis für die Kunden?

Der Preis im generellen hat nur eine durchschnittliche Relevanz. Wöchentliche Sonderangebote spielen für die Wahl der Bio-Einkaufsstätte sogar überhaupt keine Rolle.

Info

Verpackung - Zero Waste gewinnt an Relevanz

Innovative Verpackungs- und neue «Unverpackt»-Konzepte unter der Überschrift «Zero Waste» sind wichtige Themen der Bio-Branche, die Experten zufolge weiter an Bedeutung gewinnen werden. Dass es sich für Hersteller und Händler lohnt, auf nachhaltige Verpackungen zu setzen, belegt eine aktuelle Studie der Justus-Liebig-Universität Gießen im Auftrag von FFI und Pro Carton. Bio-Produkte werden als besser, qualitativ hochwertiger, glaubwürdiger und nachhaltiger wahrgenommen, wenn sie in Faltschachteln verpackt sind. Bei der europaweiten Studie gaben 75 % der Verbraucher an, dass die Umweltfreundlichkeit einer Verpackung Einfluss auf ihre Kaufentscheidung hat; 77 % seien sogar bereit, mehr zu zahlen, wenn die Verpackung die Umwelt weniger belaste.

Info

Bewertungsmethode zur Recyclingfähigkeit von Packmitteln

Umweltdienstleister Interseroh hat mit dem bifa Umweltinstitut eine wissenschaftliche, vom Fraunhofer-Institut für Verfahrenstechnik und Verpackung (IVV) geprüfte Bewertungsmethode zur Recyclingfähigkeit von Packmitteln entwickelt. Das Siegel «Made for Recycling» zeigt Verbrauchern u.a., dass sich die Verpackung für eine werkstoffliche Verwertung und zur Aufbereitung von Sekundärrohstoffen eignet. Die Bio-Zentrale Naturprodukte hat seine Verpackungen auf den Prüfstand stellen lassen und trägt als erster Hersteller für Bio-Lebensmittel das Siegel. So bestehen die Umverpackungen ab sofort zum Grossteil aus Graskarton.