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So isst die Zukunft

Donnerstag, 07. Februar 2019
Foto: Stockfood

Das Interesse an Insektenfood nimmt deutlich zu, seit die EU mit einer neuen Verordnung klare Zulassungsregeln für den Vertrieb erlassen hat. Erste Produkte stehen schon in den Regalen.

Insektenburger in der Truhe, Madenschokolade im Süsswarenregal, Mehlwurm-Energieriegel in der Abteilung «Gesunde Ernährung»: Werden diese Artikel auch in den DACH-Ländern bald üblich sein? In vielen Ländern der Welt wie Asien oder Afrika sind Insekten traditionell ein Bestandteil der Ernährung – zwei Milliarden Menschen haben sie nach Schätzungen der Weltgesundheitsorganisation FAO auf dem Speiseplan. In Europa allerdings gelten Grillen, Würmer, Käfer und Co. derzeit für viele Verbraucher noch als gewöhnungsbedürftige Lebensmittel. Dennoch beschäftigen sich immer mehr Industrie- und Handelsunternehmen mit diesem Thema, da Insekten als proteinreiche, gesunde und kostengünstige Nährstofflieferanten der Zukunft gelten und auch ökologisch betrachtet viele Vorteile bieten: Sie sind in der Aufzucht und Verarbeitung ressourcenschonender und verursachen geringere CO2-Emissionen gegenüber anderen tierischen Proteinalternativen wie Rinder, Schweine und Geflügel. Damit wären Insekten auf dem Teller ein aktiver Beitrag gegen den fortschreitenden Klimawandel mit seinen negativen Auswirkungen.

Nachhaltiges Sortiment

Inzwischen hat die EU die Voraussetzungen für den Verkauf von Produkten aus oder mit Insekten auch in Europa geebnet: Seit 2018 fallen Insekten unter die EU-Verordnung für neuartige Lebensmittel. Die Aufzucht und Verarbeitung sind damit zwar noch nicht erlaubt, weil dazu noch weiterer Klärungsbedarf besteht. Einem Vertrieb steht aber nichts mehr im Wege, sofern die Lebensmittelsicherheit von den Inverkehrbringern durch entsprechende Untersuchungen nachgewiesen worden ist.

Eine ganze Reihe von Start-ups hat darauf nur gewartet.  Nach erteilter Vertriebserlaubnis durch die europäische EFSA (Behörde für Lebensmittelsicherheit) sind die ersten Insekten-Foodartikel bereits im deutschen Markt erhältlich. Zu den Pionieren zählen unter anderem Jungunternehmen wie Bugfoundation in Osnabrück sowie Bearprotein in Berlin. Beide Unternehmen haben den von ihnen entwickelten Artikeln bereits grosse deutsche Lebensmittelfilialisten beziehungsweise Bio-Läden und Fitnessstudios als Abnehmer gewonnen.  «Die Handelsunternehmen zeigen sich dabei sehr aufgeschlossen und sind auf uns zugekommen; eine Akquise unsererseits war nicht nötig», spiegelt Geschäftsführer Baris Özel (Buggoundation) das grosse Interesse seitens des stationären LEH in Deutschland wider. In der Schweiz haben es die von Bugfoundation entwickelten und in den Niederlanden produzierten TK-Insektenbratlinge bereits 2017 in die TK-Truhen von Supermärkten geschafft. Zudem verkaufen die Osnabrücker ihre Bratlinge an Restaurants und Cateringunternehmen in europäischen Nachbarländern. Bearprotein vertreibt kalorienarme Eiweissriegel in Bio-Qualität, die Grillen aus einer kanadischen Zuchtanlage enthalten – vorerst in den Sorten Apfel-Zimt und dunkle Schokolade. Und auch MARKANT Partner dm-drogerie markt zeigt Pioniergeist. Über seinen Online-Shop bieten die Karlsruher ganz neu Insect-Pasta des Pforzheimer Start-ups Plumentofoods an - mit einem Anteil von zehn Prozent Pulver aus gemahlenen gefriergetrockneten Buffalo-Larven. Auch die METRO-Grosshandelsmärkte in Österreich haben diese Produkte seit Anfang Mai 2018 im Sortiment. Zudem setzt auch Kaufland seit Ende Januar auf Insektenfood. Zum Start gibt es Buffalound Mehlwürmer, Grillen und Insekten-Proteinriegel. Zusätzlich werden bald Nudeln, Müsli sowie Würmer und Riegel in weiteren Varianten verfügbar sein.

Mässige Verbraucherakzeptanz

Was der Kulturrevolution auf dem Teller bisher allerdings noch entgegensteht, ist die dauerhafte Akzeptanz breiterer Verbraucherschichten über den einmaligen Probierkonsum von Insekten-Lebensmitteln hinaus. Der Verzehr hat in Europa im Unterschied zu allen anderen Teilen der Welt keine Tradition – da mögen die positiven Auswirkungen auf den Klimawandel einerseits und viele Probleme des heute üblichen Fleischkonsums (z.B. Tierhaltungsbedingungen, Gesundheit der Menschen) sowie die weltweit zunehmende Lebensmittelverknappung angesichts dramatisch wachsender Weltbevölkerung andererseits noch so für die neue Nahrungsquelle sprechen. Ein nicht unerheblicher Teil von Verbrauchern kann oder will die Hemmschwelle, Grillen und Co. zu verzehren, derzeit nicht überwinden – aus Ekel oder aus Angst vor Gesundheitsgefährdung.

Die Frage ist, ob die Vermarktung von Insektenfood tatsächlich eine wirtschaftlich relevante Grössenordnung im Handel erreichen könnte. Diesen Aspekt hat kürzlich das Forschungsinstitut «concept m» in Zusammenarbeit mit Food Professionals im Rahmen einer Studie über Proteinalternativen beleuchtet. Die psychologischen Barrieren mit Blick auf den Verzehr von Insekten erklären sich dabei historisch: In weiten Teilen der Menschheitsgeschichte dienten Insekten als Projektionsfläche für Untugenden (Plagen, Zerstörung), zudem sind sie als Parasitenträger und Krankheitsüberträger verrufen. Auf der anderen Seite haben Menschen in Bezug auf Insekten keinerlei Hemmung zu töten – anders als bei Wirbeltieren.

Durchdachte Vermarktung 

Gelänge es, Insekten anders zu vermarkten, so argumentieren die Studienautoren, könnten sie durchaus einen Teil des Proteinmarktes für sich besetzen. «Die Historie hat gezeigt, dass auch im ersten Moment ungewöhnliche, für manche sogar eklige Speisen mit der Zeit akzeptiert werden – man denke nur an Sushi», so Volker Köhnen, Geschäftsführer von Food Professionals. Es mache eben einen Unterschied, ob man von Mehlwürmern spricht oder ob dieselben Tiere auf der Speisekarte als «Erd-Shrimps» bezeichnet werden. Auch das Bundesinstitut für Risiko-Bewertung BfR hatte in einer früheren Studie bereits festgehalten, dass die Hemmschwelle für den Verzehr bei den Verbrauchern deutlich sinke, wenn man die typische Erscheinungsform von Insekten nicht mehr erkennen kann.
 
Das Marketing aller alternativen Proteinquellen müsste an erster Stelle Orientierung schaffen, indem die Sicherheit der Produkte unter Beweis gestellt wird. Wichtig ist beispielsweise ein sauberes, transparentes Labeling. In der zweiten Stufe der Vermarktung müsste eine Versinnlichung erfolgen. «Eine Kulturrevolution auf dem Teller ist nicht nur nötig, sondern auch möglich», so das Fazit von Rochus Winkler, Managing Partner bei «concept m». 

Info

Gute Nährstofflief eranten

Insekten enthalten hochwertiges Eiweiss, einen hohen Anteil an ungesättigten Fettsäuren, Vitamine und Mineralstoffe wie beispielsweise Kupfer, Eisen, Magnesium, Mangan, Selen und Zink. Sie sind also gute Nährstofflieferanten, nahrhaft und gesund. Auch den Vergleich mit Fleisch müssen Insekten nicht scheuen. So enthalten getrocknete Wanderheuschrecken genauso viel Eiweiss wie Hühnerfleisch. Und die hochwertige Aminosäuren-Zusammensetzung des Insekten-Eiweisses ist zum Beispiel für Sportler, als Ergänzung der Ernährung oder als Alternative zu Fleisch besonders interessant.

 

Info

Fremdes in Vertrautes verwandeln ist bei revolutionären Produktinnovationen das zentrale Thema, um die Skepsis oder Ekel psychologisch zu überwinden. Um Vertrauen zu schaffen, bieten sich diese Massnahmen in einem 8-Punkte-Plan an:

1. Unwissenheit schafft Distanz. Die Aufklärung über die Vorteile von proteinreichen Insektenprodukten verlockt.
2. Für die Imagebildung entscheidend: Hersteller kümmern sich um die Beibehaltung und Pflege von Insekten-Ressourcen (Farming).
3. Ein Clean-Labeling auf der Packung demonstriert eine hygienische Produktion.
4. Gestalten Sie ein freundliches und recycelbares Packungsdesign, das fernab von «nüchterner Zoo-Tierfutter-Gestaltung» sein sollte.
Transparente Fenster ermöglichen es unter
anderem, sich am Point of Sale bezüglich der Qualität zu vergewissern.
5. Rezeptur und Geschmack müssen stimmen: trockene Konsistenzen auflockern und crunchige oder würzige Qualitäten hervorheben.
6. Entfernen Sie störende Flügel und Beine, sofern das Produkt nicht gemahlen ist.
7. Vermengen Sie Insektenproteine unter anderem mit bekannten Pflanzen und Gerichten oder entführen Sie in exotische Welten.
8. Probierstände, Taste-Boxen und Testimonials schaffen zusätzliches Vertrauen.

Quelle: concept m, Rochus Winkler