Ausgabe:

Ein Blick in die Zukunft

Dienstag, 03. April 2018
Fotolia (phonlamaiphoto)

Die EuroCIS bestätigt mit einer Rekordzahl an Besuchern und Ausstellern den hohen Stellenwert einer modernen IT für den Handel.

An den drei Messetagen (28.2. – 1.3.) kamen mit rund 12 000 Besuchern aus dem In- und Ausland so viele wie nie zuvor (2016: 10 253) nach Düsseldorf. Auch die Ausstellerzahl von 470 (411) Unternehmen aus 29 Ländern und die belegte Fläche mit 13 400 Quadratmetern (10 767) konnten die Werte der Vorveranstaltung deutlich toppen.

Neben Dauerbrennern wie Checkout-Systeme, POS-Hard- und Software, Paymentlösungen, Digital Signage, Netzwerktechnik oder Store-Automatisierung etwa beim Leerguthandling bestimmten auch neue Entwicklungen die EuroCIS 2018. In der Industrie oft schon etabliert, halten das Internet of Things sowie Augmented und Virtual Reality jetzt mit speziellen Anwendungen auch im Einzelhandel Einzug. Wie bei der Virtual Reality (VR) wird auch für die Augmented Reality (AR) eine spezielle Brille benötigt. Im Unterschied zu VR tauchen die Kunden bei AR jedoch nicht in eine komplett virtuelle Welt ab. Bei einer Demo-Tour auf der Messe rückte die Datenbrille, eine Microsoft HoloLens mit integriertem Mikrocomputer, in einem realen Store-Umfeld Hologramme und multimediale Inhalte ins Blickfeld, ohne die tatsächliche Realität auszublenden. Im Ergebnis wird der jeweilige reale Point of Sale also mit einbezogen, aber um zusätzliche visuelle und/oder akustische Informationen und Impulse erweitert. So wird es möglich, die Konsumenten durch virtuelle, aber inzwischen höchst authentisch wirkende, in den Raum projizierte Produktwelten zu führen. Verschiedenste Produktvarianten lassen sich realitätsnah darstellen oder in verschiedenen Umgebungen sichten. 

Virtuelle Produktwelten am POS

AR und VR können aber auch zur «digitalen Regalverlängerung» eingesetz werden, indem das im Shop vorhandene Sortiment durch zusätzliche Produktvarianten aus dem Onlinekatalog erweitert wird. Damit lässt sich auf jeder noch so kleinen Ladenfläche ein virtueller Megastore erlebbar machen. Augmented Reality kennt aber noch weitere Anwendungen, die am POS interessant sind. So demonstrierte Scandit auf der Messe die Identifikation von bestimmten Produkteigenschaften, zum Beispiel vegan, indem man einen Artikel oder gleich ein ganzes Warenregal (mit einem Scan) erfasst und mithilfe des AR-Feedbacks sofort alle veganen Produkte auf dem Smartphone-Display grün angezeigt bekommt.

Einen Blick in die Zukunft eröffnete auch das «Start-up-hub», das auf der diesjährigen EuroCIS Premiere feierte. Zwölf Newcomer stellten unter Beweis, dass gerade sie die Welt der Retail Technology mit neuer Energie versorgen können. Dort wurde zum Beispiel präsentiert, wie man Ware selbst per App scannt, bezahlt und ohne Kassenvorgang das Geschäft verlässt. Eine andere Innovation ist eine Instore-Analytics-Lösung von T-Systems, die in Echtzeit misst, wie sich die Kunden im Store bewegen und mit welchen Produkten sie interagieren. Dazu werden nicht die Kunden selbst etwa anhand von Handy-Apps identifiziert, was in der Vergangenheit unter Berufung auf den Datenschutz für Kritik gesorgt hat, sondern es wird die Bewegung der Einkaufwagen beobachtet. An diesen sind Beacons montiert, die per Bluetooth mit den Accesspoints des Store-Netzwerks in Verbindung stehen.

Terminals und Kiosk-Systeme beliebt

Schon diese Anwendung zeigt, dass ein Instore-Netzwerk mit WLAN, Bluetooth und zusätzlichen Funkfrequenzen für elektronische Preisschilder (ESL = electronic shelf label) als Basis für die Steuerung vieler Store-Prozesse unverzichtbar geworden ist. Entsprechend gross war auch in diesem Bereich die Präsens der führenden Netzwerkausrüster auf der EuoCIS. Zu den Messeneuheiten zählte beispielsweise ein Router von Lancom, der selbst beim Totalausfall der Datenleitung – etwa auf Grund von Tiefbauarbeiten im Umfeld des Marktes – automatisch per integriertem Mobilfunkmodul eine alternative Datenverbindung aufbaut. Dieser High-End-Router vereint erstmals zwei VDSL-Modems in einem Gerät und verteilt sämtliche digitale Anwendungen auf alle genutzten Leitungen, maximiert damit die zur Verfügung stehende Bandbreite. Zusätzliches LTE-Advanced als Internet-Backup sichert die ständige Verfügbarkeit geschäftskritischer Anwendungen.

Längst am POS durchgesetzt haben sich Terminals und Kiosk-Systeme, die den Kunden als Anlaufpunkt für Fragen dienen. Hier lassen sich beliebige Informationen aufspielen: Rezepte, Inhaltsstoffe von Produkten oder Beratungen beim Einkauf von Wein, Spirituosen oder inzwischen sogar Craftbieren. Aufgespielt. Zur Kategorie dieser Systeme gehören auch Click & Collect-Stationen sowie digitale Bildschirme und Videowalls. Die beiden letztgenannten Elemente sind laut dem «EHI-Ladenmonitor 2017» bereits bei zwei Dritteln der befragten Händler im Einsatz. Rechnet man Instore-TV hinzu, sind es sogar über 80 Prozent. Der grosse Vorteil von Digital Signage besteht darin, dass die Händler ihre Instore-Kommunikation mit dem Ziel grösstmöglicher Wirkung massschneidern und flexibel anpassen können. Die Inhalte lassen sich über eine digitale Plattform zentral steuern und lokal aktualisieren. Scala, einer der führenden Anbieter von Digital-Signage-Lösungen, zitiert in diesem Zusammenhang die Ergebnisse einer eigenen Studie, nach der die digitale Präsentation zu 89 Prozent mehr gezielten Blicken und zu einer um 52 Prozent erhöhten Aufmerksamkeit der Kunden im Vergleich zu analogen Beschilderungen führt. Jürgen Behrens von Rautenfeld, Vorstand der Online Software AG, unterstreicht die inzwischen grosse Bandbreite solcher Anwendungen: «Grossbildschirme und Kundendisplays auf Kassen oder Ladenwaagen zum Beispiel können Informationen und Kampagnen situativ ausspielen. Digitale Assistenten wie Smartphones oder Sprachsysteme helfen, den Einkauf zu erleichtern oder zum Erlebnis für den Kunden zu machen.»

Self-Checkout entwickelt sich weiter

Mit dem «Smart Tag» wurde in Düsseldorf das erste elektronische Label gezeigt, das direkt mit Informationen aus dem Warenwirtschaftssystem versorgt wird. Es ermöglicht jederzeit eine dynamische Preisanpassung, je nach Abverkaufs- oder Wettersituation, ohne manuellen Personalaufwand in den Filialen. Darüber hinaus ist es ein multifunktionales Medium, das neben dem Preis weitere Informationen für eine Kaufentscheidung liefern kann: verfügbare Artikelvarianten, Produktinformationen oder passende Zusatzangebote. Alles lässt sich zentral gesteuert aufspielen. 

Auch die traditionelle POS-Technologie erklimmt immer neue Entwicklungsstufen. So geht NCR bei der neuesten Generation seiner Self-Checkout-Systeme zwei bisherige Schwachpunkte in der Technologie an: Die Erkennung von frischem Obst und Gemüse, so genannten Wiegeartikeln, und die Sicherheit. Dazu sind die Bilderfassungsscanner der Kassen mit künstlicher Intelligenz ausgestattet, die Produkte anhand bestimmter Attribute wie Farbe, Form und Größe klassifiziert. Bei Wiegeartikeln erkennt die Selbstbedienungskasse beispielsweise Paprika anhand ihrer Farbe und bietet am Bildschirm automatisch passende Frischeprodukte aus dem Sortiment an. So entfällt ein lästiges, manuelles Blättern im Produktkatalog und der Erfassungsvorgang wird schneller. Das System ist selbstlernend und wird bei der Produkterkennung akkurater, je öfter es genutzt wird. Diese Technologie kann auch genutzt werden, um Etikettenschwindel vorzubeugen. Passen die Attribute eines Produkts nicht zu dem gescannten Barcode, so wird die Kassenaufsicht alarmiert.

Handel in Ausbauphase

Anwendungen in den Filialen finden, gestaltet sich der Weg zum vernetzten Store als beschwerlich und komplex. Denn: Damit will man Kunden über intelligente digitale Services personalisiert ansprechen sowie gleichzeitg operative Prozesse optimal digitalisieren und automatisieren. «Der Handel befindet sich, zumindest was die Umsetzung von Smart Store Konzepten angeht, inmitten einer Konzeptions- und Ausbauphase», lautet das Fazit einer Analyse, die EHI und Microsoft in dem Whitepaper «Smart Store» veröffentlicht haben. Vor allem die Bestandstransparenz als eine wichtige Voraussetzung für vernetzte Stores wird laut Studie von einem Grossteil der Händler bereits erfüllt. So nutzen 59 Prozent automatisierte Informationen aus dem E-Commerce-Kanal für das Bestandsmanagement ihrer Filialen, weitere 23 Prozent planen dies für die kommenden beiden Jahre. Von diesen insgesamt 82 Prozent nutzen zwei Drittel die Daten für Click and Collect-Services, die Hälfte für die Online-Vorreservierung von Produkten in den Filialen und 39 Prozent für die Anzeige von Filialbeständen auf Online-Wunschlisten. Der Handel feilt auch weiter am Ausbau freier Kunden-Wifi Verbindungen. Hier sehen 61 Prozent der Befragten Handlungsbedarf. 57 Prozent möchten die Ausstattung des Filialpersonals mit Mobile Devices optimieren. Gebremst wird die IT-Evolution des Handels vor allem von aussen: «Die unzureichende flächendeckende Abdeckung leistungsfähiger Breitbandnetze bleibt ein Problem», halten die Autoren der Studie fest. 

Info

RETA-Award für dm Drogeriemarkt:

Zum 11. Mal hat das EHI Retail Institut anlässlich der EuroCIS die Gewinner der «retail technology awards europe» (reta) gekürt. Diese Auszeichnung bekommen Einzelhändler, die durch den Einsatz von Technologie am POS einen nachweisbaren operativen Mehrwert erreicht haben. Einer der drei gleichrangigen Preisträger in der Kategorie «Best Instore Solution» ist der MARKANT Partner dm Drogeriemarkt. Das Unternehmen stellt jedem Filialmitarbeiter ein eigenes Smartphone zur Verfügung und bindet dieses in die Prozesse der Filialwarenwirtschaft ein, um ein effektiveres Arbeiten zu ermöglichen. Über das mobile Endgerät können Mitarbeiter der deutschen Drogeriemarktkette mehrere Barcodes von Paketen gleichzeitig scannen. Zudem werden bei Paketabholung durch den Kunden in der Filiale die entsprechenden Pakete auf dem Device visuell hervorgehoben und lassen sich so schneller finden.

 

Statement

Michael Gerling, Geschäftsführer EHI Retail Institute

«Die EuroCIS 2018 hat deutlich gezeigt, dass Informationstechnik eindeutig zu einem wesentlichen Erfolgsfaktor im Handel geworden ist. Sie ermöglicht innovative Geschäftsmodelle und eröffnet neue Möglichkeiten der Kundenansprache. Mehr und mehr wird die EuroCIS zu einer Messe, die nicht nur von den Entscheidungsträgern für IT und Sicherheitstechnik besucht wird. Auch Verantwortliche für Marketing und Vertrieb, für Expansion und Ladenbau oder für Einkauf und Logistik nutzen die EuroCIS zunehmend zur Vorbereitung von Investitionsentscheidungen.»